Sex vor Gericht

SEX VOR GERICHT

Ein Anwalt und seine härtesten Fälle

Spanner, Vergewaltiger, Kinderschänder – wenn es vor Gericht um Sex geht, offenbaren sich die Abgründe der menschlichen Seele. Vom angesehenen Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen fotografiert und die Bilder ins Internet stellt; vom Geschäftsführer einer Restaurantkette, der Frauen auf den Toiletten nachstellt; bis hin zum schüchternen Sonderling, der unschuldig als pädophiler Triebtäter abgestempelt und verurteilt wird. Nicht selten sind die Gerichtsverhandlungen ein Drama für sich, denn die Taten kollidieren häufig mit allgemeinen Moralvorstellungen und offenbaren fragwürdige Praktiken. Alexander Stevens, Anwalt für Sexualstrafrecht, erzählt, was passiert, wenn es vor Gericht um Sex geht und behauptet: Es kann jeden treffen.

…Es stimmt. Ich hatte Sex mit anderen Männern – sehr viel Sex. Am Anfang waren es nur einzelne One- Night-Stands. Es war sehr einfach, über das Internet abenteuerlustige Männer zu finden, die selbst nur auf der Suche nach einer heißen Affäre waren.
Ich traf sie in Hotels, im Auto, an entlegenen Plätzen oder auch in ihren Wohnungen, wenn ihre Partnerin ge- rade außer Haus war. Mit der Zeit traute ich mich auch, meine Wünsche und Phantasien ganz offen zu äußern und die Männer nach meinen Vorlieben auszuwählen. Am liebsten waren mir die, die sich mit mehreren Män- nern gleichzeitig daten ließen. Nach etwas Alkohol fie- len alle Hemmungen. Meist waren es zwei oder drei Männer, die dann abwechselnd oder auch gleichzeitig mit mir Sex hatten.

An Interessenten mangelte es nie. Einer dieser Bekanntschaften lud mich dann erstmals zu einer Veranstaltung ein, die er »Die Party« nannte. Dort sah ich, wie eine Frau umringt von zwanzig bis dreißig Männern am Boden lag und von jedem dieser Männer genommen und mit Sperma besudelt wurde. Es ging dabei letztlich dar- um, mit so vielen Männern wie möglich Sex zu haben. In diesem Moment wusste ich: Ich will das auch. Es war ein Verlangen, das ich so noch nie zuvor in meinem Leben verspürt hatte.

Die »Partys« waren immer gut besucht, schnell machte ich mir in der Szene einen Namen. Es kamen jedes Mal bis zu fünfzig Männer, die alle nur das eine wollten: Mich in allen erdenklichen Stellungen und Körperöffnungen zu nehmen.

Für mich war es wie eine Sucht. Nachdem ich mit die- sen »Partys« angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Sie fanden immer an den Wochenenden statt, meist von Samstag auf Sonntag, mal in eigens angemie- teten Clubs, mal bei wohlhabenden Männern zu Hause. Ich wollte kein Geld dafür nehmen, auch wenn viele sehr gut bezahlt hätten. Mir genügte es, dass die Männer mich begehrten, mich mit ihren Blicken auszogen. Sie waren wie Tiere, die nur noch auf ihren Trieb reduziert danach lechzten endlich über mich herzufallen. Es hat mir einfach gefallen, wie sie mich ansahen, wie sie sich gegenseitig musterten, wie sie sich fragten, wer wohl der Bessere von ihnen sei, wer mich zuerst nehmen dürfte, wer es mir am Besten besorgen würde. Es hat mir gefallen, wie ein Objekt behandelt zu werden, nur auf meinen Körper reduziert zu werden.

Es wurde zu einem wöchentlichen Ritual, das mein Leben immer stärker bestimmen sollte. Zu Beginn jeder »Party« befahl ich den Männern, sich in einem Kreis um mich aufzustellen. Während ich mich dann auf einer in der Mitte des Kreises befindlichen Matratze leicht bekleidet räkelte, mich langsam auszog und den umherstehenden Männern meinen Körper und dessen Öffnungen präsentierte, mussten sie sich selbst befriedigen. Wer zuerst auf mir zum Orgasmus kam, durfte später auch als erster mit mir schlafen, während die anderen Männer dabei zusehen mussten. Je mehr Männer es waren, desto mehr törnte es mich an. Sobald der erste Mann mit mir fertig war, durfte der mit mir schlafen, der als Zweiter auf mir gekommen war, und so weiter. Zum Abschluss durften sie sich dann alle gleichzeitig von mir nehmen was auch immer sie wollten. Die meisten machten zwar schon nach dem ersten Geschlechtsverkehr mit mir schlapp und sahen nur noch zu, wie es mir die an- deren besorgten, aber auch das turnte mich an. Weitere Regeln gab es nicht, die Männer durften mit mir machen, was ihnen in den Sinn kam. Und das wollte ich auch so: Je härter sie es machten, umso besser.

Über die Zeit hinweg waren es bestimmt an die tausend Männer, mit denen ich Sex hatte. Ich habe aber immer auf Verhütung mit Kondomen bestanden. An partywilligen Männern mangelte es trotzdem nicht. Noch ehe die eine »Party« vorbei war hatte ich schon mindestens zwei oder drei Einladungen für eine weitere »Party«. Ich nahm jede Einladung an.

Meinem Mann habe ich von alldem nichts erzählt. Ob er davon etwas wusste, weiß ich nicht. In den letzten Jahren unserer Beziehung lebten wir ohnehin mehr neben- einander her als miteinander. Er hatte meine Phantasien leider nie bedienen und mich auch nicht richtig befriedigen können.

Am Anfang der Beziehung dachte ich, meine körperlichen Wünsche der Liebe und Leidenschaft wegen zurückstellen zu können. Ich hatte mich auch die ersten Jahre nicht getraut, meine geheimen Phantasien offen zu äußern. Ich begnügte mich mit meinen Träumen und hin und wieder mit Selbstbefriedigung. Später dann hatten wir es einmal meinem Wunsch entsprechend aus- probiert, dass er mich ans Bett fesselt, eine Sturmhaube aufzieht und so tut, als würde er mich vergewaltigen. Er sträubte sich, aber ich hatte es mir als mein Geburtstagsgeschenk gewünscht. Doch schon nach wenigen Minuten hörte er abrupt auf, riss sich die Sturmhaube vom Kopf und legte sich wütend neben mich. Er konnte nicht. Es war einfach nicht sein Ding.

Überhaupt war ihm Sex nicht sonderlich wichtig. Wenn, dann musste es phantasieloser Standardsex sein. Ein bisschen Missionarsstellung, ein oder zwei Mal im Monat. Das genügte ihm. Mir nicht.«

Totenstille im gut besuchten Gerichtsaal. Kein Geräusch, kein Aktenblättern, kein Getuschel aus dem Zuschauerraum. Alle Blicke waren auf die attraktive blonde Frau gerichtet, die jetzt scheu zu Boden sah.

Eine solche Beichte hatte bisher wohl keiner der Anwesenden gehört, von ihrem Mann ganz zu schweigen. Er saß als Nebenkläger zwischen dem Staatsanwalt und seinem Anwalt, gegenüber meiner Mandantin und mir. Die Fassungslosigkeit über das, was sie da gerade erzählt hatte, stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Für den eigentlichen Tatvorwurf war ihre Aussage aber letztlich nicht von Belang gewesen. Dass sie Sex mit mindestens einem anderen Mann gehabt hatte, stand bereits vor der Gerichtsverhandlung fest. Fest stand auch, dass einer der beiden Ehepartner den anderen mit dem HI-Virus angesteckt hatte, das hatte ein virologisches Gutachten ergeben, das die Viren meiner Mandantin mit denen ihres Ehemannes verglichen hatte.

Ihr Mann sollte später aussagen, er habe lange die einzige Möglichkeit, sich mit dem Virus bei seiner eigenen Ehefrau infiziert zu haben, verdrängt. Anlässlich einer Blutspende hatten die Ärzte festgestellt, dass er HIV-positiv war. Zunächst habe er es einfach nicht wahrhaben wollen. So lange, bis er seine Frau bei einem Schäferstündchen mit dem Nachbarn in flagranti erwischt hatte. Im gemeinsamen Bett, in der gemeinsamen Wohnung. Daraufhin hatte er sie angezeigt. Wegen gefährlicher Körperverletzung, weil sie ihn mit dem HI-Virus angesteckt haben soll.

In den achtziger Jahren gab es noch ernsthafte Erwägun- gen Ansteckungen mit HIV als Tötungsdelikte zu verfolgen. Doch seitdem der Krankheitsverlauf medikamentös zu hemmen ist, ist das rechtlich nicht mehr möglich, auch wenn die Lebenserwartung mit der HIV-Ansteckung dennoch erheblich verkürzt wird. Im Ergebnis bleibt es ein Todesurteil.

Der eigentliche Grund für seine Anzeige war aber ohnehin seine Eifersucht. Er wollte seine Frau nicht teilen. Er war immer noch sehr eifersüchtig, das sollte sogar ich den ganzen Prozess über zu spüren bekommen. Jeden fragenden Blick, den meine Mandantin an mich richtete, jede Geste in den Verhandlungspausen auf dem Gerichtsflur, überhaupt jedes noch so belanglose Gespräch mit anderen Männern beäugte er argwöhnisch. Und das, was er soeben erfahren hatte, ließ ihn seinen starren Blick überhaupt nicht mehr von ihr nehmen.

Man merkte ihm seinen Hass, seine Wut, seine Rage und seine Unbeherrschtheit an. Es kochte förmlich in ihm. Er wollte Vergeltung, und sei es nur durch ein gerichtliches Urteil das ihm schriftlich attestierte, was sie ihm aus seiner Sicht angetan hatte.

Meine Mandantin hatte stets abgestritten, dass sie ihn mit dem HI-Virus infiziert hatte. Immerhin hatte sie – außer bei ihrem eigenen Ehemann – ja immer mit Kon- domen verhütet. Und schließlich war umgekehrt nicht auszuschließen, dass auch er sie mit dem Virus infiziert haben könnte. Auch ihr Mann habe im Laufe ihrer Ehe ein paar unspektakuläre Affären gehabt, zumindest behauptete sie das.

Einen Beweis dafür, dass auch er untreu gewesen war, konnte sie nicht erbringen. Wer kann das schon.
Das Gericht hatte seine Zweifel. Schließlich sei es nicht auszuschließen, dass auch der Mann fremdgegangen und sich dabei mit dem HI-Virus angesteckt haben könnte. Und im Zweifel gilt es für den oder die Angeklagte(n) zu entscheiden. Das Gericht sprach meine Mandantin frei.

Den wüsten Beschimpfungen des Ehemannes nach dem Urteil, ich »solle besser auch mal einen HIV-Test machen«, schenkte ich keine Beachtung.
Berufliches und Privates trenne ich strikt.

SEX VOR GERICHT

Ein Anwalt und seine härtesten Fälle

Spanner, Vergewaltiger, Kinderschänder – wenn es vor Gericht um Sex geht, offenbaren sich die Abgründe der menschlichen Seele. Vom angesehenen Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen fotografiert und die Bilder ins Internet stellt; vom Geschäftsführer einer Restaurantkette, der Frauen auf den Toiletten nachstellt; bis hin zum schüchternen Sonderling, der unschuldig als pädophiler Triebtäter abgestempelt und verurteilt wird. Nicht selten sind die Gerichtsverhandlungen ein Drama für sich, denn die Taten kollidieren häufig mit allgemeinen Moralvorstellungen und offenbaren fragwürdige Praktiken. Alexander Stevens, Anwalt für Sexualstrafrecht, erzählt, was passiert, wenn es vor Gericht um Sex geht und behauptet: Es kann jeden treffen.

…Es stimmt. Ich hatte Sex mit anderen Männern – sehr viel Sex. Am Anfang waren es nur einzelne One- Night-Stands. Es war sehr einfach, über das Internet abenteuerlustige Männer zu finden, die selbst nur auf der Suche nach einer heißen Affäre waren.
Ich traf sie in Hotels, im Auto, an entlegenen Plätzen oder auch in ihren Wohnungen, wenn ihre Partnerin ge- rade außer Haus war. Mit der Zeit traute ich mich auch, meine Wünsche und Phantasien ganz offen zu äußern und die Männer nach meinen Vorlieben auszuwählen. Am liebsten waren mir die, die sich mit mehreren Män- nern gleichzeitig daten ließen. Nach etwas Alkohol fie- len alle Hemmungen. Meist waren es zwei oder drei Männer, die dann abwechselnd oder auch gleichzeitig mit mir Sex hatten.

An Interessenten mangelte es nie. Einer dieser Bekanntschaften lud mich dann erstmals zu einer Veranstaltung ein, die er »Die Party« nannte. Dort sah ich, wie eine Frau umringt von zwanzig bis dreißig Männern am Boden lag und von jedem dieser Männer genommen und mit Sperma besudelt wurde. Es ging dabei letztlich dar- um, mit so vielen Männern wie möglich Sex zu haben. In diesem Moment wusste ich: Ich will das auch. Es war ein Verlangen, das ich so noch nie zuvor in meinem Leben verspürt hatte.

Die »Partys« waren immer gut besucht, schnell machte ich mir in der Szene einen Namen. Es kamen jedes Mal bis zu fünfzig Männer, die alle nur das eine wollten: Mich in allen erdenklichen Stellungen und Körperöffnungen zu nehmen.

Für mich war es wie eine Sucht. Nachdem ich mit die- sen »Partys« angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Sie fanden immer an den Wochenenden statt, meist von Samstag auf Sonntag, mal in eigens angemie- teten Clubs, mal bei wohlhabenden Männern zu Hause. Ich wollte kein Geld dafür nehmen, auch wenn viele sehr gut bezahlt hätten. Mir genügte es, dass die Männer mich begehrten, mich mit ihren Blicken auszogen. Sie waren wie Tiere, die nur noch auf ihren Trieb reduziert danach lechzten endlich über mich herzufallen. Es hat mir einfach gefallen, wie sie mich ansahen, wie sie sich gegenseitig musterten, wie sie sich fragten, wer wohl der Bessere von ihnen sei, wer mich zuerst nehmen dürfte, wer es mir am Besten besorgen würde. Es hat mir gefallen, wie ein Objekt behandelt zu werden, nur auf meinen Körper reduziert zu werden.

Es wurde zu einem wöchentlichen Ritual, das mein Leben immer stärker bestimmen sollte. Zu Beginn jeder »Party« befahl ich den Männern, sich in einem Kreis um mich aufzustellen. Während ich mich dann auf einer in der Mitte des Kreises befindlichen Matratze leicht bekleidet räkelte, mich langsam auszog und den umherstehenden Männern meinen Körper und dessen Öffnungen präsentierte, mussten sie sich selbst befriedigen. Wer zuerst auf mir zum Orgasmus kam, durfte später auch als erster mit mir schlafen, während die anderen Männer dabei zusehen mussten. Je mehr Männer es waren, desto mehr törnte es mich an. Sobald der erste Mann mit mir fertig war, durfte der mit mir schlafen, der als Zweiter auf mir gekommen war, und so weiter. Zum Abschluss durften sie sich dann alle gleichzeitig von mir nehmen was auch immer sie wollten. Die meisten machten zwar schon nach dem ersten Geschlechtsverkehr mit mir schlapp und sahen nur noch zu, wie es mir die an- deren besorgten, aber auch das turnte mich an. Weitere Regeln gab es nicht, die Männer durften mit mir machen, was ihnen in den Sinn kam. Und das wollte ich auch so: Je härter sie es machten, umso besser.

Über die Zeit hinweg waren es bestimmt an die tausend Männer, mit denen ich Sex hatte. Ich habe aber immer auf Verhütung mit Kondomen bestanden. An partywilligen Männern mangelte es trotzdem nicht. Noch ehe die eine »Party« vorbei war hatte ich schon mindestens zwei oder drei Einladungen für eine weitere »Party«. Ich nahm jede Einladung an.

Meinem Mann habe ich von alldem nichts erzählt. Ob er davon etwas wusste, weiß ich nicht. In den letzten Jahren unserer Beziehung lebten wir ohnehin mehr neben- einander her als miteinander. Er hatte meine Phantasien leider nie bedienen und mich auch nicht richtig befriedigen können.

Am Anfang der Beziehung dachte ich, meine körperlichen Wünsche der Liebe und Leidenschaft wegen zurückstellen zu können. Ich hatte mich auch die ersten Jahre nicht getraut, meine geheimen Phantasien offen zu äußern. Ich begnügte mich mit meinen Träumen und hin und wieder mit Selbstbefriedigung. Später dann hatten wir es einmal meinem Wunsch entsprechend aus- probiert, dass er mich ans Bett fesselt, eine Sturmhaube aufzieht und so tut, als würde er mich vergewaltigen. Er sträubte sich, aber ich hatte es mir als mein Geburtstagsgeschenk gewünscht. Doch schon nach wenigen Minuten hörte er abrupt auf, riss sich die Sturmhaube vom Kopf und legte sich wütend neben mich. Er konnte nicht. Es war einfach nicht sein Ding.

Überhaupt war ihm Sex nicht sonderlich wichtig. Wenn, dann musste es phantasieloser Standardsex sein. Ein bisschen Missionarsstellung, ein oder zwei Mal im Monat. Das genügte ihm. Mir nicht.«

Totenstille im gut besuchten Gerichtsaal. Kein Geräusch, kein Aktenblättern, kein Getuschel aus dem Zuschauerraum. Alle Blicke waren auf die attraktive blonde Frau gerichtet, die jetzt scheu zu Boden sah.

Eine solche Beichte hatte bisher wohl keiner der Anwesenden gehört, von ihrem Mann ganz zu schweigen. Er saß als Nebenkläger zwischen dem Staatsanwalt und seinem Anwalt, gegenüber meiner Mandantin und mir. Die Fassungslosigkeit über das, was sie da gerade erzählt hatte, stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Für den eigentlichen Tatvorwurf war ihre Aussage aber letztlich nicht von Belang gewesen. Dass sie Sex mit mindestens einem anderen Mann gehabt hatte, stand bereits vor der Gerichtsverhandlung fest. Fest stand auch, dass einer der beiden Ehepartner den anderen mit dem HI-Virus angesteckt hatte, das hatte ein virologisches Gutachten ergeben, das die Viren meiner Mandantin mit denen ihres Ehemannes verglichen hatte.

Ihr Mann sollte später aussagen, er habe lange die einzige Möglichkeit, sich mit dem Virus bei seiner eigenen Ehefrau infiziert zu haben, verdrängt. Anlässlich einer Blutspende hatten die Ärzte festgestellt, dass er HIV-positiv war. Zunächst habe er es einfach nicht wahrhaben wollen. So lange, bis er seine Frau bei einem Schäferstündchen mit dem Nachbarn in flagranti erwischt hatte. Im gemeinsamen Bett, in der gemeinsamen Wohnung. Daraufhin hatte er sie angezeigt. Wegen gefährlicher Körperverletzung, weil sie ihn mit dem HI-Virus angesteckt haben soll.

In den achtziger Jahren gab es noch ernsthafte Erwägun- gen Ansteckungen mit HIV als Tötungsdelikte zu verfolgen. Doch seitdem der Krankheitsverlauf medikamentös zu hemmen ist, ist das rechtlich nicht mehr möglich, auch wenn die Lebenserwartung mit der HIV-Ansteckung dennoch erheblich verkürzt wird. Im Ergebnis bleibt es ein Todesurteil.

Der eigentliche Grund für seine Anzeige war aber ohnehin seine Eifersucht. Er wollte seine Frau nicht teilen. Er war immer noch sehr eifersüchtig, das sollte sogar ich den ganzen Prozess über zu spüren bekommen. Jeden fragenden Blick, den meine Mandantin an mich richtete, jede Geste in den Verhandlungspausen auf dem Gerichtsflur, überhaupt jedes noch so belanglose Gespräch mit anderen Männern beäugte er argwöhnisch. Und das, was er soeben erfahren hatte, ließ ihn seinen starren Blick überhaupt nicht mehr von ihr nehmen.

Man merkte ihm seinen Hass, seine Wut, seine Rage und seine Unbeherrschtheit an. Es kochte förmlich in ihm. Er wollte Vergeltung, und sei es nur durch ein gerichtliches Urteil das ihm schriftlich attestierte, was sie ihm aus seiner Sicht angetan hatte.

Meine Mandantin hatte stets abgestritten, dass sie ihn mit dem HI-Virus infiziert hatte. Immerhin hatte sie – außer bei ihrem eigenen Ehemann – ja immer mit Kon- domen verhütet. Und schließlich war umgekehrt nicht auszuschließen, dass auch er sie mit dem Virus infiziert haben könnte. Auch ihr Mann habe im Laufe ihrer Ehe ein paar unspektakuläre Affären gehabt, zumindest behauptete sie das.

Einen Beweis dafür, dass auch er untreu gewesen war, konnte sie nicht erbringen. Wer kann das schon.
Das Gericht hatte seine Zweifel. Schließlich sei es nicht auszuschließen, dass auch der Mann fremdgegangen und sich dabei mit dem HI-Virus angesteckt haben könnte. Und im Zweifel gilt es für den oder die Angeklagte(n) zu entscheiden. Das Gericht sprach meine Mandantin frei.

Den wüsten Beschimpfungen des Ehemannes nach dem Urteil, ich »solle besser auch mal einen HIV-Test machen«, schenkte ich keine Beachtung.
Berufliches und Privates trenne ich strikt.