9 1/2 Perfekte Morde

9 1/2 PERFEKTE MORDE

Wenn Schuldige davonkommen

Spanner, Vergewaltiger, Kinderschänder – wenn es vor Gericht um Sex geht, offenbaren sich die Abgründe der menschlichen Seele. Vom angesehenen Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen fotografiert und die Bilder ins Internet stellt; vom Geschäftsführer einer Restaurantkette, der Frauen auf den Toiletten nachstellt; bis hin zum schüchternen Sonderling, der unschuldig als pädophiler Triebtäter abgestempelt und verurteilt wird. Nicht selten sind die Gerichtsverhandlungen ein Drama für sich, denn die Taten kollidieren häufig mit allgemeinen Moralvorstellungen und offenbaren fragwürdige Praktiken. Alexander Stevens, Anwalt für Sexualstrafrecht, erzählt, was passiert, wenn es vor Gericht um Sex geht und behauptet: Es kann jeden treffen.

»Bist du nur neugierig oder meinst du’s ernst?«

»Ich bin mir sehr sicher, ich weiß nur nicht wie.«

»Ich kann dir helfen.«

»Hm.«

»Ich habe hier schon vielen geholfen. Ich kenn mich wirklich gut aus.«
»Echt?«
»Ja, und vor Kurzem habe ich einer per Skype beigestan­ den, als sie es getan hat.«

»Das hast du echt für sie getan? Wow!«

»Dann war sie wenigstens nicht allein.«

»Das wird sie dir bestimmt nie vergessen. Wie hat sie es gemacht?«
»Mit einem Messer.«
»Mit einem Messer? Die Pulsadern?«

»Nein, Herzstich.«

»Herzstich? Also mit einem Messer direkt ins Herz gestochen? Und du hast das via Skype gesehen?«
»Ja, ich habe sie bis zur letzten Sekunde unterstützt. Ich bin mir sicher, ohne mich hätte sie es nicht gekonnt.«

»Das glaub ich dir. Da braucht man doch auch viel Kraft, also Muskelkraft, um sich ins Herz zu stechen, oder?«
»Nein, es kommt auf die Technik an. Du musst ein ent­ sprechend langes Küchenmesser nehmen und es genau zwischen der vierten und fünften Rippe links neben dem Brustbein ansetzen.«

»Du scheinst dich ja wirklich gut auszukennen.«

»Ja, ich habe mich sehr eingehend damit beschäftigt – um zu helfen.«
»Wieso tust du das?«
»Wieso nicht?« :­)

»Na ja, was hast du davon? Ich mein, das sind ja hier alles nur Freaks und seelische Wracks.«
»Genau deshalb. Ich will wirklich helfen. Ist doch schon schlimm genug, dass man mit dem Thema so allein­ gelassen wird.«

»Stimmt …«

»Und wenn es Leute wie mich nicht gäbe, würden es ver­ mutlich viele total stümperhaft anstellen und womöglich Qualen erleiden oder es nicht schaffen, und dann landen sie in der Klapse.«

»Das wäre für mich das Schlimmste, wenn es nicht klappen würde und die mich dann wegsperren.«»Keine Sorge, du hast ja mich.«
»Aber wir kennen uns doch kaum.«

»Na, wir lernen uns doch jetzt kennen! Erzähl mir ein bisschen von dir.«
»Ich heiße Lara.«
»Hallo Lara. Wie alt bist du?«

»Wohnst du alleine?«

»Na ja, nicht ganz, eigentlich wohn ich zusammen mit meiner Schwester in einer WG.«
»Okay, das heißt, du bist meistens nicht allein.«»Nein, ich bin sogar meistens allein. Meine Schwester hat seit ein paar Monaten nen neuen Freund und ist fast immer bei dem zu Hause.«

»Weiß sie von deinem Vorhaben?«

»Niemand weiß davon – na ja, außer dir jetzt.«

»Das ist auch besser so. Die würden dir das nur aus­ reden wollen, weil sie keine Ahnung haben. Kaum je­ mand versteht deine Gedanken, deine Gefühle und was du durchmachst. Das habe ich schon so oft gehört.«»Was hast du gehört?«

»Dass andere Menschen, gerade aus dem persönlichen Umfeld, immer nur mit Unverständnis reagieren und einen gleich zum Psychodoc schicken wollen …«
»Das ist meine größte Angst!«

»Mach dir keine Sorgen. Mit mir kannst du offen reden und hey, ich hab weder deine Adresse noch den Kontakt zu deiner Schwester oder sonstigen Leuten von dir. Mir kannst du voll und ganz vertrauen!«

»Das ist echt lieb, auch wenn ich mich ehrlich gesagt ein bisschen schwertue, das alles einer fremden Person zu erzählen.«
»Mach dir keinen Kopf. Ich weiß, was ich tue. Und ver­ giss nicht, ich hab schon vielen hier geholfen.«

»Also noch anderen Leuten als nur der mit dem Herz­ stich?«
»Na klar. Ich bin hier schon seit einigen Jahren in die­ sem Forum und helfe, wo ich kann.«

»Und alle, mit denen du Kontakt hattest, haben es dann getan?«
»Ja, eigentlich schon. Ich kümmre mich aber auch nur um die fest Entschlossenen, die anderen wollen nur Aufmerksamkeit. Das ist sinnlose Zeitverschwen­ dung.«

»Aber vielleicht brauchen die anderen einfach nur noch etwas Zeit?«
»Entweder man ist fest entschlossen oder nicht. Bist du denn fest entschlossen?«

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst?«

»Nein, ich weiß es, ich weiß nur noch nicht, wie ich es tun soll?! Wie haben es denn die anderen gemacht, denen du auch geholfen hast?«
»Am Anfang habe ich immer zur Schlinge geraten, das geht am einfachsten, und die meisten haben mei­ nen Rat dann auch angenommen. Einer hat sich vor die U­Bahn geworfen, aber ich finde, ein Herzstich ist das Beste. Das setzt auch irgendwie ein Zeichen.«»Wieso?«

»Kennst du Romy Schneider?«

»Nein, wer ist das?«

»Das war eine bekannte Schauspielerin. Ist durch diese Sissi­Filme berühmt geworden.«
»Und was ist mit der?«
»Die hat sich auch umgebracht. Allerdings mit Medika­ menten. Aber von der hat man immer gesagt, dass sie an gebrochenem Herzen starb, weil ihr das Leben so übel mitgespielt hatte.«

»Ja, kann ich gut verstehen!«

»Bei dir wird man das nicht sagen. Du bist nicht Romy Schneider.«
»Versteh ich nicht.«
»Na, du bist nicht berühmt. Bist du doof.« :­)

»Ach so. Ja, vermutlich. Falls es überhaupt irgend­ jemand interessiert, wenn ich weg bin.« :­(
»Na ja, deshalb ist der Herzstich so gut. Er ist absolut tödlich, aber auch ein starkes Symbol …«

»Ja, jetzt wo du mir das so sagst. Würde auch zu meiner Gefühlslage passen. Aber ein Stich ins Herz?!«
»Das geht schnell – ich weiß, wovon ich spreche. Ich war ja live dabei.«

»Und die hat das einfach so gemacht?«

»Ja, sie hat sich mit dem Rücken an die Wand gestellt, mir direkt in die Augen gesehen, sich das Messer auf die Brust gesetzt und zugestochen.«
»Und war sie dann sofort tot?«

»Sie ist sanft zu Boden geglitten und eingeschlafen. Deshalb ist der Herzstich so gut. Er ist absolut tödlich, setzt aber, wie gesagt, auch ein starkes Symbol…«»Vermutlich. Wie heißt du, wenn ich fragen darf?«»Du lenkst ab.« :­)

»Sorry. Mir ist nur grad aufgefallen, dass ich noch nicht mal weiß, wie du heißt, und dass wir trotzdem über Dinge sprechen, über die ich bisher mit niemandem gesprochen habe.«

»Eigentlich ist es doch völlig egal, wer ich bin oder wie ich heiße. Wichtig ist nur, dass du weißt, dass ich dich absolut verstehe und dir deswegen helfen will.«
»Ja, das ist auch echt lieb. Toll, dass es Menschen wie dich gibt.«

»Aber weil du es bist: Ich heiße Markus. Aber meine Freunde nennen mich Mark.«
»Okay, dann ab jetzt Mark?«
»Gern.« :­)

»Hatte die, von der du vorhin erzähltest, eigentlich Schmerzen?«
»Nein. Da ist so viel Adrenalin im Blut, und außerdem ist der Wille, es endlich durchzuziehen, so stark, da ver­ schwendet man gar keine Gedanken an Schmerz.«»Und es hat wirklich nicht lang gedauert?«

»Nein, sagte ich doch! Es geht ganz schnell.«

»Und du meinst, das Beste ist, wie sie es gemacht hat?«
»Ja. Man muss es so machen, dass es kein Zurück gibt. Denk an die Klapse!«

»Das stimmt.«

»Hast du dir schon überlegt, wie du es machen willst?«

»Vielleicht mit Tabletten.«

»Schlaftabletten?«

»Ja.«

»Vergiss Schlaftabletten!«

»Warum?«

»Wenn du deine Tabletten nicht über eine Apotheke in Thailand oder Mexiko beziehst, dann wirst du keine Schlaftabletten finden, die tödlich wirken. Die handels­ üblichen Schlaftabletten enthalten Brechmittel und An­ tidepressiva. Das heißt, dass man entweder kotzt, be­ vor die tödliche Dosis erreicht ist, oder dass man vorher schon wieder so gut drauf ist, dass man keinen Bock mehr hat, sich umzubringen.«

»Du kennst dich wirklich gut aus.«

»Außerdem kostet es ja keine Überwindung mit Tablet­ ten. Das bringt ja jeder.«
»Macht mich das jetzt schlechter? Weil es einfach ist?«»Du willst doch, dass wirklich Sense ist, oder nicht?«»Ja, aber das mit dem Herzstich bekomm ich nicht hin.«»Du hast es ja noch gar nicht probiert.« :­)

»Ich hatte es vor Kurzem mal an den Pulsadern auspro­ biert, aber immer, wenn ich angefangen hab zu ritzen, hab ich gleich wieder aufgehört. Ich glaub, ich kann kein Blut sehen.« :­(

»Pulsadern aufschneiden funzt eh nicht… Wenn, dann müsstest du sie dir der Länge nach aufschneiden, und das bekommt kaum jemand hin. Die Adern ziehen sich sonst nämlich zusammen, wodurch die Blutung stoppt.«»Bist du zufällig Arzt oder so was?« :­)

»Ist doch egal, was ich bin. Es geht hier nur um dich. :­) By the way, wie siehst du eigentlich aus?«
»Ist das wichtig, wie ich aussehe?«
»Sei doch nicht gleich so eingeschnappt. Ich versuch doch nur, mich in dich hineinzuversetzen.«

»Sorry, war nicht so gemeint. Ich schäm mich für mein Aussehen, ich bin zu dick.«
»Und bist du dick?«
»Ich finde schon.«

»Wie dick?«

»Ich weiß nicht. Dick halt.«

»Wie groß bist du und wie viel wiegst du?«

»1,70 Meter und 52 Kilo.«

»Na, das geht doch. Schick mir mal ein Bild von dir.«

»Ich, weiß nicht. Am Ende willst du dann vielleicht nicht mehr mit mir reden.«

»Jetzt mach schon. Dann kann ich mich viel besser in dich hineinversetzen.«
»Ist es dir wichtig, wie ich aussehe?«
»Nein, aber ich muss wissen, wie du aussiehst, damit ich dir besser helfen kann.«

»Ist es schwieriger, mir zu helfen, wenn ich dick bin?«

»Na klar, dicke Leute sterben nicht so leicht.« :­)

»Okay, das wusste ich nicht.«

»Die haben nen dicken Hals und viel Fett um sich herum, da geht das halt alles nicht so einfach.«
»Okay, daran hab ich nicht gedacht. Ich schick dir ein Bild – Moment.«

»Siehst gut aus.«

»Danke, aber verarschen kann ich mich selbst.«

»Ich mein das ernst. Wie lange spielst du schon mit dem Gedanken, dich umzubringen?«
»Vielleicht so seit einem Jahr.«
»Und wieso hast du es bisher nicht getan?«

»Ich konnte es einfach nicht. Und als ich es dann vor ein paar Wochen mit den Pulsadern versucht hab, hat mich irgendwie der Schmerz und das Blut davon ab­ gehalten.«

»Siehst du, du brauchst Hilfe.«

»Ja.«

»Mit dem Herzstich wäre es viel einfacher gegangen.«

»Du meinst, ich soll es lieber so machen?«

»Na klar, denk an die Geschichte mit dem gebroche­ nen Herzen. Du willst doch sicher, dass deine Schwes­ ter und alle anderen an dich denken?«
»Ich glaub, an mich denkt so oder so keiner.«

»Glaub mir, wenn du dir ins Herz stichst, bestimmt!«

»Meinst du wirklich?«

»Ja! Hast du ein langes Küchenmesser da?«

»Ich glaub schon. Aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich schaffe, mir ein Messer ins Herz zu stechen. Ich fand es schon so schwierig mit den Schnitten an meinen Hand­ gelenken. Gibt es denn nichts Besseres?«

»Nichts ist besser als ein Herzstich!«

»Irgendwas, wobei ich nicht so viel tun muss… So wie bei den Tabletten …«
»Vergiss endlich die Tabletten! Das dauert ewig, und am Schluss wirken sie nicht. Dann landest du in der Klapse und musst jeden Tag Tabletten fressen! Willst du das?«

»Nein.«

»Zeig mal, welche Messer du da hast.«

»Okay, ich geh schnell in die Küche.«

»Mach mal den Videochat an, dann kannst du sie mir besser zeigen.«
»Okay. Siehst du mich?«
»Ja.«

»Komisch, ich kann dich nicht sehen.«

»Ich kann dich gut sehen.«

»Ich dich nicht. Das Videochatfenster ist schwarz.«

»Das liegt bestimmt an meiner schlechten Internetver­ bindung. Ich kann dich jedenfalls gut sehen. Also, zeig mal die Messer!«
»Okay.«

»Ja, die sind doch ganz brauchbar. Das letzte, das du mir gezeigt hast, würde ich an deiner Stelle nehmen.«»Das ist ganz schön groß. Das soll ich mir ins Herz stechen?«

»Ich seh schon. Das wird eine schwierige Nummer mit dir.«
»Ich find die Vorstellung einfach komisch …«
»Du musst das schon auch wollen. Aber vielleicht bist du ja eine von denen, die sich nur wichtigmachen wol­ len und anderen die Zeit stehlen.«

»Nein, wirklich nicht. Ich will es ganz sicher tun! Bitte glaub mir. Ich hab nur Probleme mit Messern.«
»Bist du dir wirklich sicher? Ich hab nämlich keine Lust, meine Zeit mit dir zu verschwenden, wenn ich anderen, die mich wirklich brauchen, helfen könnte.«

»Ich will es tun. Bitte, geh nicht!«

»Gut, ich denke, dann ist es für dich die beste Methode, einen Gürtel zu nehmen.«
»Wie meinst du das?«
»Ganz einfach: Du nimmst einen Gürtel, ziehst das Ende durch die Gürtelschnalle, sodass du eine Schlaufe hast, und bindest es an der Tür fest. Dann legst du den Kopf in die Schlinge und sackst einfach in die Knie… dauert keine 30 Sekunden, und schon ist es vorbei.«»Ja, hab ich hier auch schon mal gelesen, dass das manche so machen.«

»Aber?«

»Ich weiß nicht, ob ich es kann.«

»Jetzt hör bloß auf. Das ist eh schon die Mädchen­ methode!«
»Was meinst du damit?«
»Na, dass sich so eigentlich nur die ganz Labilen um­ bringen, die auch sonst nichts auf die Reihe bringen.«»Aber das passt ja dann für mich.« :­(

»Ja, aber dann mach’s halt auch und red nicht nur rum.«

»Du meinst, ich soll es jetzt tun?«

»Klar, wann denn sonst?«

»Also, jetzt im Sinne von jetzt gleich?«
»Ich hab dir doch grad eben schon gesagt, dass ich hier nicht zum Spaß bin. Je länger du wartest, desto schwie­ riger wird es. Ich bin ja bei dir.«
»Ich weiß nicht.«
»Glaub mir, gemeinsam bekommen wir das schon hin.«»Hm, und du meinst, das mit dem Gürtel ist die beste Methode?«
»Nein, die beste Methode ist die mit dem Herzstich, aber da stellst du dich ja so an.«
»Es tut mir leid, dass ich so kompliziert bin.«»Natürlich gibt es auch noch andere Methoden, aber ich denke, für dich soll es dann der Gürtel sein. Das läuft quasi ganz von selbst.«
»Du meinst, so wie bei den Schlaftabletten?«
»Ja, aber viel besser, denn die Gürtelmethode funktio­ niert ganz sicher. Hast du etwas da, mit dem du dir die Hände fesseln kannst?«
»Wieso?«
»Die Gürtelmethode verspricht nur dann 100% Erfolg, wenn man sich die Hände fesselt. Der Körper könnte sonst aus einem Reflex heraus versuchen, sich doch noch aus der Schlinge zu befreien.«
»Puh, da hätte ich jetzt gar nicht dran gedacht.«
»Gut, dass du mich hast.« :­)
»Allerdings. :­) Meine Schwester und ihr Freund stehen auf so Fesselzeugs beim Sex, das hat sie mir mal er­ zählt. Da finde ich bestimmt was. Moment.«
»Und? Fündig geworden?«

»Ja, ich hab Handschellen. Siehst du sie?«

»Ja, das könnte klappen. Jetzt musst du nur noch den Gürtel so wie besprochen präparieren, und schon kön­ nen wir loslegen.«
»Wow, mit dir geht das jetzt alles so schnell. Hatte ich gar nicht mit gerechnet.«

»Du kannst es! Sei kein Feigling. Hol den Gürtel und überleg nicht lange.«
»Du meinst, ich soll es jetzt sofort tun?«
»Klar! Hol das Ding jetzt, mach die Schlaufe und befes­ tige das Ende des Gürtels an der Türklinke.«

»Willst du mir dabei zusehen?«

»Ich will für dich da sein. Glaub mir, es ist einfacher für dich, wenn du merkst, dass jemand bei dir ist.«
»Okay. Aber ich seh dich immer noch nicht, Mark.«»Ich seh dich dafür gut, ich bin ganz bei dir. Also, jetzt mach das mit dem Gürtel, so wie ich’s dir gesagt habe.«»Gut.«

»Und denk an die Handschellen, bevor du dich in den Gürtel fallen lässt.«
»Ja, ich hab alles hier, außerdem ist doch jetzt eh schon alles egal.«

»Kannst du noch deine Webcam auf die Tür ausrichten, sodass ich ganz bei dir sein kann?«
»Warte, so?«
»Okay, gut, wollen wir loslegen?«

»Ja, also dann danke, und lieb, dass du bei mir bleibst.«

Einen Tag später fand Laras Schwester den leblosen Kör- per des Mädchens . Lara hing mit einem Gürtel um den Hals und in sich zusammengesackt an der Türklinke ihres Zimmers . Mit aller Kraft musste die Schwester die Zimmertüre aufschieben . Schwer hing Lara an der Tür, die den Leichnam beim Öffnen mitschleifte . Ihre Hände waren hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt . Erste Fliegen, die durch das gekippte Fenster in das abge- dunkelte Zimmer gelangt waren, hatten die Leiche besie- delt . Der Schein des flimmernden Computerbildschirms spendete gerade so viel Licht, dass die Schwester sehen konnte, was geschehen war . Es war ein Anblick, den sie nie wieder vergessen sollte .

Laras Schwester hatte damals sofort den Notarzt geru- fen, doch der konnte nichts mehr tun . Durch Laras Eigen- gewicht hatte der Gürtel beide Halsschlagadern abgedrückt, die Schlinge hatte sich regelrecht in den Hals eingeschnürt . Schon nach fünfzehn bis dreißig Sekunden muss die junge Frau bewusstlos und nach gut zehn Minuten tot gewesen sein . So lange dauert es in der Regel, bis die Gehirnzellen durch die Sauerstoffunterversorgung absterben, verursacht durch die Blutstauung .

Insbesondere wegen der Fesselung mit den Handschel- len alarmierte der Notarzt die Polizei . Es dauerte nicht lange, ehe die Polizisten das Chatprotokoll entdeckten, das noch auf dem laufenden Computerbildschirm geöffnet war . Der Inhalt der Konversation unmittelbar vor dem Tod des Mädchens veranlasste die Beamten, die Mordkommis- sion einzuschalten .

Nach genauer Durchsicht des Chatverlaufs bestand für die Ermittler kein Zweifel mehr: Die Selbsttötung der 

23-Jährigen wurde maßgeblich durch ihren Chatpartner »Mark« beeinflusst, wenn nicht sogar initiiert . Vermutet wurde eine Tötung durch Fremdverschulden, ohne dass der Täter selbst bei seinem Opfer Hand anlegen musste . War es das? Der perfekte Mord?

Leider muss ich diese Frage mit Ja beantworten . Selbst mit dem noch geöffneten Chatfenster ist es der perfekte Mord . Denn in der Sekunde, in der Sie diese Zeilen lesen, tummelt sich Laras Chatpartner vielleicht gerade wieder in einem der zahlreichen Suizidforen, wo er auch Lara ange- sprochen hatte . Und offenbar war Lara nicht die erste und wahrscheinlich auch nicht die letzte junge Frau, die Mark in den Freitod getrieben hat . Auch wenn er beteuerte, ein- fach nur helfen zu wollen, wahrscheinlicher ist, dass der edle Retter sich in Wahrheit an den Todesfantasien seiner Chatpartner oder eben auch live übertragenen Selbsttötun- gen ergötzt oder sogar sexuell befriedigt .

Dennoch stellte die zuständige Staatsanwaltschaft das eingeleitete Ermittlungsverfahren sofort wieder ein . Mark, Markus oder wie auch immer derjenige eigentlich heißt, der Lara mit seiner perfiden Argumentation in den Tod getrieben hat, wurde gar nicht erst ermittelt, geschweige denn vernommen, verhaftet oder gar vor Gericht gestellt .

Juristisch betrachtet kann nur jemand, der einen ande- ren Menschen tötet, ein Tötungsdelikt begehen . Das gilt sowohl für Tatbestände wie Mord oder Totschlag als auch für die anderen mit Strafe bewehrten Formen der Tötung, wie etwa eine fahrlässige Tötung oder eine Tötung auf Ver- langen . Das Gesetz ist hier eindeutig .

Wer sich hingegen selbst tötet, der macht sich – zumin- dest nach deutschem Recht – nicht strafbar . Nun gut, wer- den Sie sagen, wer sich selbst umbringt, dem wird eine irdische Strafe so oder so egal sein . Problematisch würde es für den Suizidenten aber, wenn er den Selbsttötungsversuch überleben würde und Selbstmord strafbar wäre . Dann wäre die Frage nach der Schuld des Suizidenten plötzlich von Be- deutung, und er könnte wegen versuchten Mordes an sich selbst bestraft werden . Das aber wäre in vielerlei Hinsicht un- angemessen . Es dürfte einleuchten, dass nicht auch noch be- straft werden sollte, wer seinem Leben ein Ende setzen will, solange er damit niemand anderem schadet, denn eine frei- willige Selbstschädigung ist nach deutschem Recht grund- sätzlich nicht strafbar, solange nicht in die Rechtskreise wei- terer Personen eingegriffen wird . Aus derselben Überlegung ist etwa auch der bloße Konsum von Drogen nicht strafbar .

Lara wäre im Falle ihres Überlebens für ihre Tat nicht bestraft worden . Was aber ist mit Mark? Aus dem Chat ergibt sich eindeutig, dass er Lara geradezu zum Suizid drängte und ihr ganz maßgeblich bei der Selbsttötung half . Nach der Rechtsprechung reicht für die strafbare Anstif- tung zu einem Tötungsdelikt bereits die bloße Herbeifüh- rung einer verlockenden Situation aus, zum Beispiel wenn ein Räuber, der gerade ein Juweliergeschäft überfallen hat und auf der Flucht von einem couragierten Bürger verfolgt wird, absichtlich eine wertvolle Uhr fallen lässt, um seinen Verfolger von der Verfolgung abzubringen . Nimmt der Ver- folger diese – wie vom Räuber vorgesehen – an sich, um sie für sich zu behalten, macht sich der Räuber auch noch der Anstiftung zur Unterschlagung strafbar .

Eine Beihilfehandlung ist hingegen nach überwiegen- der Ansicht dann strafbar, wenn sie die Haupttat fördert . Neben aktiver und konkreter Hilfeleistung, also physischer Beihilfe, fällt darunter auch motivierendes Bestärken, die sogenannte psychische Beihilfe . Wenn Sie den Bankräu- ber also zur Bank fahren oder einem vorbeieilenden Räu- ber auf dem Weg in die Bank noch viel Glück wünschen, sind Sie dran .

Warum ist dann aber Markus noch auf freiem Fuß?

Die Straflosigkeit des Suizids hat eine Konsequenz, die sich aus ebendieser strafrechtlichen Gesetzessystematik speist . Beihilfe und Anstiftung zu einer Straftat sind nur dann möglich, wenn es eine strafbare Haupttat gibt, zu der man jemanden anstiften oder bei der man Hilfe leisten kann . Wenn Sie für einen Bankräuber Schmiere stehen, dann können Sie ebenso wie der Bankräuber dafür bestraft werden – wenn auch nicht ganz so hart . Wenn Sie jeman- den dazu anstiften, einen Menschen zu töten, werden Sie genauso hart bestraft wie der eigentliche Mörder . Es macht dann also keinen Unterschied mehr, ob man bei der Tat aktiv mitgewirkt hat oder nicht .

Nach der Systematik des deutschen Strafrechts basiert aber der Unwert einer Teilnahme an der Straftat eines anderen auf der Haupttat selbst . Wer diese fördert oder jemanden zu der Tat anstiftet, muss bestraft werden . Irgendwie logisch, denn im Zweifel wird beispielsweise ein Auftragskiller weniger Interesse an einem Mord haben als sein Auftraggeber . Es ist also nur gerecht, wenn auch diesem eine harte Strafe zukommt . Was aber, wenn keine strafbare Haupttat vorliegt? Die logische Antwort kann nach dieser Gesetzessystematik nur lauten, dass in die

sem Fall auch eine Anstiftung oder Beihilfehandlung nicht strafbar ist . Denn die Hilfe zu einer Tat, die nicht strafbar ist, kann dann gezwungenermaßen auch nicht strafbar sein . Genauso verhält es sich in unserem Fall .

Wäre Laras Selbstmord also strafbar, könnte man Mar- kus bestrafen . Dem ist aber nicht so . Wer einer anderen Person beim Suizid hilft, indem er beispielsweise Schlaf- tabletten besorgt oder psychische Beihilfe leistet, der kann dafür nicht belangt werden .

Sind es verzweifelte Angehörige oder Freunde, die Bei- hilfe zum Suizid leisten, mag man dafür Verständnis auf- bringen, aber sollten auch Anstifter mit erkennbar unlau- teren Motiven straflos davonkommen?

Immerhin, eine gesetzlich anerkannte Ausnahme gibt es von der grundsätzlichen Straflosigkeit des Suizidhelfers . Wenn man gewerbsmäßig Menschen dabei hilft, sich selbst zu töten, ist das strafbar . Hiermit will man dem Sterbetou- rismus (z .B . in Holland oder in der Schweiz) im Rahmen der passiven Sterbehilfe Einhalt gebieten, wo Sterbewilligen vom Sterbehelfer Medikamente zur Verfügung gestellt wer- den, mit denen sie sich durch Einnahme selbst töten können . (Nicht zu verwechseln mit der sogenannten aktiven Sterbe- hilfe, bei der die todbringende Handlung nicht durch das Op- fer selbst, sondern von einem Dritten durchgeführt wird .)

»Mark« aber förderte Laras Tod nicht geschäftsmäßig – nachweislich forderte er von Lara für seine »Hilfe« keine finanzielle Leistung ein .

Aber auch wenn »Mark« sich Lara als »Helfer« andiente – wird diese Bezeichnung seiner Rolle überhaupt gerecht? Rief er nicht erst den Entschluss in Lara hervor und nutzte 

ihre düstere Stimmung beim Surfen im Suizidforum, um sich an ihrem Tod aufzugeilen? War Mark nicht einfach nur Gehilfe, sondern vielmehr Täter?

Von moralischer Seite betrachtet ist die Sache simpel: Vermutlich hätte sich Lara zumindest an diesem Abend ohne die »Hilfe« von Mark nicht getötet . Mark selbst hatte keine nachvollziehbare Motivation, der ihm völlig unbe- kannten Lara zu »helfen« – es sei denn, es kam ihm da- rauf an, sie sterben zu sehen . Man kann also sagen, dass er, moralisch gesehen, für ihren Tod zumindest mitverant- wortlich ist .

Juristisch betrachtet ist der vorliegende Fall allerdings kom- plizierter . Hätte Mark selbst Hand angelegt und Lara eigen- händig getötet, wäre es bei einem Sichaufgeilen sogar Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs gewesen . Aber so waren es ausnahmslos seine Worte, die Lara veranlassten, sich das Leben zu nehmen .

Ist ein solcher Fall also eine gänzlich straflose Selbsttötung, zu welcher, wie oben ausgeführt, weder Beihilfe geleistet noch angestiftet werden kann? Oder ist Laras Tod eben doch fremdverschuldet und damit womöglich aktive Ster- behilfe, fahrlässige Tötung, Töten durch Unterlassen, Tot- schlag oder gar Mord?

Wie oben gezeigt könnte besagter Mark nur, wenn Laras Tod nicht als Suizid einzustufen wäre, auch wegen eines Tötungsdeliktes bestraft werden – also dann, wenn straf- rechtlich betrachtet keine Selbst-, sondern eine Fremdtötung vorgelegen hätte . Diese Abgrenzung erfolgt grundsätzlich 

danach, ob die Herrschaft über den Geschehensablauf des lebensbeendenden Akts beim Opfer selbst oder bei einem anderen Beteiligten liegt . Es soll also ganz maßgeblich da- rauf ankommen, wer den Geschehensablauf im kritischen Moment beherrscht . Wenn die sterbewillige Person bis zu- letzt die freie Entscheidung über ihr Schicksal behält, sie also den Beginn des tödlichen Kausalverlaufs (also die zum Tod führende Handlung) nach Belieben bestimmen konnte, dann wird eine »Tatherrschaft« durch einen möglichen außenstehenden Täter üblicherweise verneint . Bloße Hilfe- stellung beim Suizid durch Bereitstellung von Tatmitteln, durch »Tipps«, durch Bestärkung oder gar Hervorrufung des Entschlusses zur Tat – solches Verhalten ist also grund- sätzlich straflos .

Die »Tatherrschaft« kann allerdings auch innehaben, wer selbst gar nicht am Tatort ist, sondern das Geschehen »planvoll-lenkend« aus der Ferne kontrolliert . Auch aus der Ferne könnte Mark als Täter gehandelt haben, wenn er nur die Entscheidungsgewalt über Laras Tod hatte .

Dem war aber offensichtlich nicht so . Lara hatte zu jedem Zeitpunkt die alleinige Kontrolle über den unmit- telbar zum Lebensende führenden Akt . Sie hat den Gürtel selbst geknüpft, sich selbst die Handschellen angelegt und den Kopf ganz allein in die todbringende Schlaufe gesteckt .

Die strenge Abgrenzung von Mord und Selbstmord führt, das werden Sie bemerkt haben, teilweise zu schwer erträg- lichen Ergebnissen .

Denn was, wenn der Täter zwar nicht selbst Hand an- legt, aber einen so starken Einfluss auf das Opfer hat, dass 

er es aufgrund der seelischen Abhängigkeit lenken kann? Kann man da wirklich noch von freiverantwortlicher Selbst- schädigung des Opfers sprechen? Sicherlich nicht . Des- halb wird nach dem deutschen Strafrecht auch derjenige bestraft, der eine Straftat im Zuge der sogenannten mit- telbaren Täterschaft »durch« einen anderen begeht – als »Täter hinter dem Täter«, als »überlegener Hintermann«, der sich eines menschlichen »Werkzeugs« bedient . Der Unterschied zum Anstifter besteht rechtlich betrachtet darin, dass es bei der mittelbaren Täterschaft nicht auf eine strafbare Haupttat ankommt, sondern der Hintermann die ausführende Person der Tathandlung quasi als »Werk- zeug« zum Zwecke der Begehung einer eigenen Tat kont- rolliert .

Alles klar? Vermutlich angesichts der auch für Juristen schwierigen Thematik eher nicht! Also sehen wir uns das Ganze mal anhand eines einfachen Beispiels an: Wenn ein Dieb einen gutgläubigen Passanten bittet, »seinen« Koffer aus dem Taxi zu nehmen, dieses Gepäckstück aber in Wirk- lichkeit einem anderen gehört, handelt der Passant ohne Vorsatz und damit straflos – schließlich will er den ande- ren nicht beklauen, sondern denkt, er handele völlig recht- mäßig . Der Dieb dagegen benutzt den Passanten, respek- tive dessen Gutgläubigkeit, als Werkzeug zur Begehung seiner Straftat durch einen anderen und ist damit wegen »Diebstahls in mittelbarer Täterschaft« zu bestrafen . Ent- scheidend für die Abgrenzung zur Anstiftung oder Bei- hilfe ist, dass die eigentlich handelnde Person als »Werk- zeug« des Hintermanns tätig wird, sich selbst also nicht oder nicht in gleicher Weise strafbar gemacht hat . Die als

»Werkzeug« des Hintermannes tätige Person muss also ein »Strafbarkeitsdefizit« haben, sie könnte beispielsweise ohne Vorsatz oder schuldlos handeln – so wie der gutgläu- bige Kofferträger in unserem Beispiel .

Nun kann man es sich noch leicht vorstellen, in einen Diebstahl verwickelt zu werden – aber in ein Tötungs- delikt? Wie sollte man in so einem Fall instrumentalisiert werden? Doch, auch im Bereich der Kapitaldelikte sind Fälle der »mittelbaren Täterschaft« vorstellbar: Wenn der Täter etwa einem Kind eine echte Waffe als »Spielzeug- pistole« andreht, um durch dessen »Spiel« einen Mord zu begehen, dann kann das Kind sowohl mangels Strafmün- digkeit als auch mangels Vorsatz nicht bestraft werden – der eigentliche »mittelbare Täter« aber eben schon .

Tatsächlich ist die »mittelbare Täterschaft« auch bei Tötungsdelikten gar nicht so selten, einige Fälle haben es sogar zu großer Berühmtheit gebracht . So zum Beispiel der unter Juristen legendäre »Katzenkönig-Fall« oder aber auch der nicht weniger berüchtigte »Sirius-Fall«, wobei gerade Letzterer einige Parallelen zum Tod von Lara aufweist .

Die Vorgeschichte: Der redegewandte Rüdiger lernte in einer Disco die unsichere und komplexbeladene junge Marianne kennen . Schnell entwickelte sich zwischen den beiden eine ungleiche Freundschaft, in der Rüdiger im Rahmen gelegentlicher Treffen und stundenlanger Tele- fongespräche mit Marianne über Psychologie, Philosophie und Mystik diskutierte und in der Rolle des Mentors auf- trat . Schon bald vertraute Marianne diesem neuen Freund nahezu blind, selbst als der ihr immer absurdere und un- glaubwürdigere Lügengeschichten auftischte und behaup- tete, er sei ein außerirdischer Gesandter vom Planeten 

Sirius, ein sogenannter »Sirianer« . Diese Sirianer seien der Menschheit spirituell und philosophisch weit überlegen . Seine Mission auf dem unterentwickelten Planeten Erde bestehe darin, einige auserwählte »Erdlinge« wie Marianne auf eine höhere Entwicklungs- und Bewusstseinsebene zu erheben . Marianne müsse sich aber zuerst geistig und phi- losophisch weiterentwickeln, damit ihre Seele in einem neuen Körper auf Sirius wiedergeboren werden könne .

Marianne glaubte ihm, woraufhin Rüdiger beschloss, sie auszunehmen . Marianne gab daraufhin ihr gesamtes Ver- mögen aus, nahm sogar einen Kredit auf . Das Geld floss in die Meditationen eines sirianischen »Mönches« namens Uliko . Rüdiger hatte freundlicherweise den Kontakt zu dem sehr scheuen Mönch hergestellt und ihm auch gleich das ganze Geld »weitergeleitet« . Laut Rüdiger meditierte er für Mariannes Seelenheil . Als sich die versprochenen spi- rituellen Superkräfte bei Marianne nicht so recht einstel- len wollten und sie sich bei Rüdiger erkundigte, war sie natürlich selbst schuld an den ausbleibenden Fortschrit- ten: Der tapfere Mönch habe sich bei seinen Versuchen in große Gefahr begeben, sei aber an Mariannes starker inne- rer Sperre gegen die geistige Weiterentwicklung geschei- tert . Den Mönch Uliko gab es natürlich genauso wenig wie die Sirianer vom Planeten Sirius, lediglich die Geschichte von Mariannes »starker innerer Sperre gegen geistige Wei- terentwicklung« hatte vermutlich einen wahren Kern.

Nachdem Rüdiger von Mariannes Geld einige Monate gut gelebt hatte, sie jetzt aber bedauerlicherweise pleite war, musste er sich etwas Neues einfallen lassen. Mariannes »geistige Blockade«, so hatten Rüdiger oder Uliko heraus- gefunden, könne nur durch die Vernichtung ihres alten und die Beschaffung eines neuen Körpers beseitigt werden. Glücklicherweise hatten die hilfsbereiten Sirianer bereits einen neuen Körper für Marianne in einem roten Raum an einem See bereitgestellt, sie musste also nur noch ihren alten Körper loswerden. Bei der Gelegenheit, so riet ihr Rüdiger, würde es sich allerdings anbieten, vorher noch schnell eine dicke Risikolebensversicherung abzuschlie- ßen, sodass sie in ihrem neuen Leben gleich auch finan- ziell so richtig durchstarten könnte. Selbstverständlich würde ihr guter Freund Rüdiger mit dem ganzen Geld in der Nähe des Ortes ihrer Wiedergeburt auf sie warten.

Erschreckenderweise stand Marianne – möglicherweise aufgrund ihrer »geistigen Blockaden« – auch diesem Plan recht aufgeschlossen gegenüber. Rüdiger gab ihr auf dieser spirituellen Reise übers Telefon Anweisungen . Um ihren lästigen alten Körper endlich loszuwerden, sollte sie einfach ei- nen Föhn in die Badewanne fallen lassen . Zu Mariannes Glück hatte Rüdigers nahezu perfekter Plan eine Schwachstelle: Sie starb einfach nicht, diesem dummen Fehlerstrom-Schutz- schalter im Sicherungskasten sei Dank. Nach mehreren Versuchen und immer neuen telefonischen Anweisungen eines erkennbar entnervten Rüdigers gab Marianne schließlich auf. Als sich der vormals so selbstlose Rüdiger am Telefon darüber aufregte, dass sie immer noch lebe, kamen selbst der leichtgläubigen Marianne Zweifel an der Wahrhaftigkeit der »sirianischen Mission«. Der ganze Schwindel flog auf und Rüdiger wurde unter anderem wegen versuchten Mordes an Marianne in mittelbarer Täterschaft verurteilt.

Ganz selbstverständlich war diese Verurteilung wegen versuchten Mordes auch aus juristischer Sicht aber nicht. Denn hätte man die Grundsätze zum Suizid und der Abgren

zung von Fremd- und Eigenverschulden zur Anwendung gebracht, hätte Rüdiger zumindest bezüglich des versuch- ten Tötungsdelikts straflos aus der Sache rausgehen müssen . Aber im »Sirius-Fall« soll nach Auffassung der hohen Richter der raffinierte Rüdiger die abergläubische Marianne wie ein »Werkzeug« gegen sich selbst ausgenutzt haben. Sie selbst beging also einen straflosen Selbstmordversuch, gleichzei- tig soll sie aber auch durch ihr eigenes Handeln quasi als »Tatwerkzeug« für Rüdigers Mord an ihr selbst (!) gehandelt haben . Also ähnlich dem obigen Beispiel mit dem Kind, dem man eine geladene »Spielzeugpistole« in die Hand drückt, nur mit dem Unterschied, dass es sich mit der in Wahrheit scharfen Waffe – wie vom Täter gewollt – selbst umbringt.

Ob diese juristische Konstruktion rechtsdogmatisch wirklich so sauber ist, daran scheiden sich die Geister . Hin- ter dem Urteil scheint wohl auch der Wunsch zu stehen, einen derart unmoralischen Täter wie Rüdiger nicht so billig davonkommen zu lassen.

Womit wir wieder bei Mark angekommen wären . Nach dem Exkurs hinab in die Abgründe der Theorie und hin- auf auf den Planeten Sirius stelle ich Ihnen die Frage: Hat auch Mark durch seine manipulativen Anweisungen die unglückliche Lara wie ein Werkzeug gegen sie selbst ein- gesetzt und sie somit in mittelbarer Täterschaft getötet? Hat sich Laras Chatpartner also auch eines Mordes strafbar gemacht – Mord deshalb, weil er die Tat zum Beispiel zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs begangen hat oder um einen Menschen »live« sterben zu sehen, was beson- ders niederträchtig wäre?

Nach der Argumentation des Bundesgerichtshofs im »Sirius-Fall« kann als mittelbarer Täter handeln, wer das Opfer »kraft überlegenen Wissens« als Werkzeug gegen sich selbst missbraucht .

Marianne ließ den Föhn in der Hoffnung ins Wasser fal- len, sofort in einem neuen Körper zu erwachen – so wie es Rüdiger ihr versprochen hatte . Der Gedanke an einen Selbstmord im eigentlichen Sinn kam ihr dabei nicht . Ge- nau diesen Umstand nutzte Rüdiger aus .

Lara dagegen wusste, was sie tat, immerhin suchte sie im Internet in einem Suizidforum gezielt Ratschläge . Zwar wurde sie dabei von Mark nicht nur unterstützt, sondern geradezu bedrängt, aber dass Mark sein überlegenes Wis- sen über die Folgen ihres Suizids vor Lara verheimlicht und ausgenutzt hätte? Das war nicht der Fall.

Es war auch nicht so, dass sie von Mark psychisch besonders abhängig gewesen wäre, sie kannte ihn ja vor- her gar nicht.

Ob man also wirklich juristisch zu dem Ergebnis kom- men kann, dass Lara nur ein Werkzeug gegen sich selbst war? Schwierig.

Hatte Mark sich mit seinen »Tipps«, »Tricks« und »Emp- fehlungen« an Lara also tatsächlich nicht strafbar gemacht?

Um es kurz zu machen:
Ja . Zwar könnte man noch an eine »Tötung durch Unterlassen« oder an »fahrlässige Tötung« denken, aber nichts von alledem trifft auf Mark zu, so absurd es auch erscheinen mag.

Die fahrlässige Tötung scheitert daran, dass Mark nicht die tödliche Handlung ausgeführt hat, und aktive Sterbe- hilfe setzt ja schon begrifflich voraus, dass aktiv, also durch die Hand eines anderen, der Tod herbeigeführt wird.

Und die »Tötung durch Unterlassen«? Der Gesetzge- ber behält sich damit vor, auch denjenigen zu bestrafen, der es unterlässt, jemandem in Not zu helfen, obwohl er dazu verpflichtet wäre. Doch nicht jeder ist dazu verpflichtet zu helfen. Dies trifft lediglich auf Verwandte des Opfers zu oder auf jemanden, der aus sonstigen rechtlichen Gründen zum Einschreiten verpflichtet wäre. Diese Pflicht wird also juristisch sehr eng ausgelegt, denn immerhin wird jemand bestraft, der nichts getan hat oder, genauer, der aktiv nichts getan hat. Kurzum: Eine solche gesetzliche Einstandspflicht hatte Mark nicht.

Obwohl Mark also ganz maßgeblich an dem Tod der 23-jäh- rigen Lara mitgewirkt hat, so hat er sich aus juristischer Sicht doch nicht strafbar gemacht . Er hat also einen anderen Menschen auf dem Gewissen und kommt straflos davon .

Im deutschsprachigen Raum gibt es übrigens etwa dreißig Todesforen wie das, in dem sich Lara und Mark kennen- gelernt haben – weltweit sind es einige Tausend. In jedem dieser Foren gibt es weit mehr als 50 000 Chats . In diesen Chats zählen etwa 1000 oder mehr Diskussionsteilnehmer zu denen, die Tag für Tag anderen in den Tod »helfen« . In Kennerkreisen werden diese »Helfer« auch »Stamm-Pos- ter« genannt . Wer also wie Mark Menschen in den Tod trei- ben oder das Sterben gar live miterleben möchte, der bleibt derzeit straflos .

Methoden zum Selbstmord werden in Internetforen zuhauf erläutert, ob Stricklänge, Knotenknüpfung, Fallhöhe oder ob der Sprung vor einen Zug effektiver ist als der vom Hochhaus, wie man an Schusswaffen kommt und welche Medikamente wie schnell wirken.

Oftmals werden entsprechende Hilfsmittel sogar zum Kauf angeboten . Eigens angelegte Linklisten führen direkt zu Bestellformularen bei indischen oder philippinischen Online-Apotheken .

Und obwohl das alles nicht neu ist, nehmen deutsche Behörden die Problematik bislang kaum ernst: Auf seine Anfrage an die Zentralabteilung »Verdachtsunabhängige Recherche im Internet« des Bundeskriminalamts erhielt ein Reporter die Antwort, »Suizid sei nicht strafbar« – und das Ganze sei ohnehin »Ländersache« .

Selbst Minderjährige sind gesetzlich nicht vor »Stamm- Postern« geschützt, denn das deutsche Strafrecht stellt nicht etwa auf die Geschäftsfähigkeit ab, die bekannter- maßen erst ab 18 Jahren gilt .

Fälle wie der einer 17-Jährigen aus Leipzig muten vor diesem Hintergrund skurril an . Das Mädchen hatte über einen Chat bei einem dieser »Helfer« ein todbringendes Medikament geordert . Als sie nicht zahlen konnte, erhielt sie von dem anonymen Absender prompt eine Mahnung .

Und so gelangen wir zu der Erkenntnis, dass es durch- aus legal ist, ein 17-jähriges Mädchen zum Suizid anzu- stiften, ihr dabei zu helfen und sich an dem Livestream ihres Todeskampfes aufzugeilen . Aber die Mahnung wegen der nicht bezahlten Todesmedikamente ist – aufgrund der nicht vorhandenen Geschäftsfähigkeit – illegal .

9 1/2 PERFEKTE MORDE

Wenn Schuldige davonkommen

Spanner, Vergewaltiger, Kinderschänder – wenn es vor Gericht um Sex geht, offenbaren sich die Abgründe der menschlichen Seele. Vom angesehenen Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen fotografiert und die Bilder ins Internet stellt; vom Geschäftsführer einer Restaurantkette, der Frauen auf den Toiletten nachstellt; bis hin zum schüchternen Sonderling, der unschuldig als pädophiler Triebtäter abgestempelt und verurteilt wird. Nicht selten sind die Gerichtsverhandlungen ein Drama für sich, denn die Taten kollidieren häufig mit allgemeinen Moralvorstellungen und offenbaren fragwürdige Praktiken. Alexander Stevens, Anwalt für Sexualstrafrecht, erzählt, was passiert, wenn es vor Gericht um Sex geht und behauptet: Es kann jeden treffen.

»Bist du nur neugierig oder meinst du’s ernst?«

»Ich bin mir sehr sicher, ich weiß nur nicht wie.«

»Ich kann dir helfen.«

»Hm.«

»Ich habe hier schon vielen geholfen. Ich kenn mich wirklich gut aus.«
»Echt?«
»Ja, und vor Kurzem habe ich einer per Skype beigestan­ den, als sie es getan hat.«

»Das hast du echt für sie getan? Wow!«

»Dann war sie wenigstens nicht allein.«

»Das wird sie dir bestimmt nie vergessen. Wie hat sie es gemacht?«
»Mit einem Messer.«
»Mit einem Messer? Die Pulsadern?«

»Nein, Herzstich.«

»Herzstich? Also mit einem Messer direkt ins Herz gestochen? Und du hast das via Skype gesehen?«
»Ja, ich habe sie bis zur letzten Sekunde unterstützt. Ich bin mir sicher, ohne mich hätte sie es nicht gekonnt.«

»Das glaub ich dir. Da braucht man doch auch viel Kraft, also Muskelkraft, um sich ins Herz zu stechen, oder?«
»Nein, es kommt auf die Technik an. Du musst ein ent­ sprechend langes Küchenmesser nehmen und es genau zwischen der vierten und fünften Rippe links neben dem Brustbein ansetzen.«

»Du scheinst dich ja wirklich gut auszukennen.«

»Ja, ich habe mich sehr eingehend damit beschäftigt – um zu helfen.«
»Wieso tust du das?«
»Wieso nicht?« :­)

»Na ja, was hast du davon? Ich mein, das sind ja hier alles nur Freaks und seelische Wracks.«
»Genau deshalb. Ich will wirklich helfen. Ist doch schon schlimm genug, dass man mit dem Thema so allein­ gelassen wird.«

»Stimmt …«

»Und wenn es Leute wie mich nicht gäbe, würden es ver­ mutlich viele total stümperhaft anstellen und womöglich Qualen erleiden oder es nicht schaffen, und dann landen sie in der Klapse.«

»Das wäre für mich das Schlimmste, wenn es nicht klappen würde und die mich dann wegsperren.«»Keine Sorge, du hast ja mich.«
»Aber wir kennen uns doch kaum.«

»Na, wir lernen uns doch jetzt kennen! Erzähl mir ein bisschen von dir.«
»Ich heiße Lara.«
»Hallo Lara. Wie alt bist du?«

»Wohnst du alleine?«

»Na ja, nicht ganz, eigentlich wohn ich zusammen mit meiner Schwester in einer WG.«
»Okay, das heißt, du bist meistens nicht allein.«»Nein, ich bin sogar meistens allein. Meine Schwester hat seit ein paar Monaten nen neuen Freund und ist fast immer bei dem zu Hause.«

»Weiß sie von deinem Vorhaben?«

»Niemand weiß davon – na ja, außer dir jetzt.«

»Das ist auch besser so. Die würden dir das nur aus­ reden wollen, weil sie keine Ahnung haben. Kaum je­ mand versteht deine Gedanken, deine Gefühle und was du durchmachst. Das habe ich schon so oft gehört.«»Was hast du gehört?«

»Dass andere Menschen, gerade aus dem persönlichen Umfeld, immer nur mit Unverständnis reagieren und einen gleich zum Psychodoc schicken wollen …«
»Das ist meine größte Angst!«

»Mach dir keine Sorgen. Mit mir kannst du offen reden und hey, ich hab weder deine Adresse noch den Kontakt zu deiner Schwester oder sonstigen Leuten von dir. Mir kannst du voll und ganz vertrauen!«

»Das ist echt lieb, auch wenn ich mich ehrlich gesagt ein bisschen schwertue, das alles einer fremden Person zu erzählen.«
»Mach dir keinen Kopf. Ich weiß, was ich tue. Und ver­ giss nicht, ich hab schon vielen hier geholfen.«

»Also noch anderen Leuten als nur der mit dem Herz­ stich?«
»Na klar. Ich bin hier schon seit einigen Jahren in die­ sem Forum und helfe, wo ich kann.«

»Und alle, mit denen du Kontakt hattest, haben es dann getan?«
»Ja, eigentlich schon. Ich kümmre mich aber auch nur um die fest Entschlossenen, die anderen wollen nur Aufmerksamkeit. Das ist sinnlose Zeitverschwen­ dung.«

»Aber vielleicht brauchen die anderen einfach nur noch etwas Zeit?«
»Entweder man ist fest entschlossen oder nicht. Bist du denn fest entschlossen?«

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst?«

»Nein, ich weiß es, ich weiß nur noch nicht, wie ich es tun soll?! Wie haben es denn die anderen gemacht, denen du auch geholfen hast?«
»Am Anfang habe ich immer zur Schlinge geraten, das geht am einfachsten, und die meisten haben mei­ nen Rat dann auch angenommen. Einer hat sich vor die U­Bahn geworfen, aber ich finde, ein Herzstich ist das Beste. Das setzt auch irgendwie ein Zeichen.«»Wieso?«

»Kennst du Romy Schneider?«

»Nein, wer ist das?«

»Das war eine bekannte Schauspielerin. Ist durch diese Sissi­Filme berühmt geworden.«
»Und was ist mit der?«
»Die hat sich auch umgebracht. Allerdings mit Medika­ menten. Aber von der hat man immer gesagt, dass sie an gebrochenem Herzen starb, weil ihr das Leben so übel mitgespielt hatte.«

»Ja, kann ich gut verstehen!«

»Bei dir wird man das nicht sagen. Du bist nicht Romy Schneider.«
»Versteh ich nicht.«
»Na, du bist nicht berühmt. Bist du doof.« :­)

»Ach so. Ja, vermutlich. Falls es überhaupt irgend­ jemand interessiert, wenn ich weg bin.« :­(
»Na ja, deshalb ist der Herzstich so gut. Er ist absolut tödlich, aber auch ein starkes Symbol …«

»Ja, jetzt wo du mir das so sagst. Würde auch zu meiner Gefühlslage passen. Aber ein Stich ins Herz?!«
»Das geht schnell – ich weiß, wovon ich spreche. Ich war ja live dabei.«

»Und die hat das einfach so gemacht?«

»Ja, sie hat sich mit dem Rücken an die Wand gestellt, mir direkt in die Augen gesehen, sich das Messer auf die Brust gesetzt und zugestochen.«
»Und war sie dann sofort tot?«

»Sie ist sanft zu Boden geglitten und eingeschlafen. Deshalb ist der Herzstich so gut. Er ist absolut tödlich, setzt aber, wie gesagt, auch ein starkes Symbol…«»Vermutlich. Wie heißt du, wenn ich fragen darf?«»Du lenkst ab.« :­)

»Sorry. Mir ist nur grad aufgefallen, dass ich noch nicht mal weiß, wie du heißt, und dass wir trotzdem über Dinge sprechen, über die ich bisher mit niemandem gesprochen habe.«

»Eigentlich ist es doch völlig egal, wer ich bin oder wie ich heiße. Wichtig ist nur, dass du weißt, dass ich dich absolut verstehe und dir deswegen helfen will.«
»Ja, das ist auch echt lieb. Toll, dass es Menschen wie dich gibt.«

»Aber weil du es bist: Ich heiße Markus. Aber meine Freunde nennen mich Mark.«
»Okay, dann ab jetzt Mark?«
»Gern.« :­)

»Hatte die, von der du vorhin erzähltest, eigentlich Schmerzen?«
»Nein. Da ist so viel Adrenalin im Blut, und außerdem ist der Wille, es endlich durchzuziehen, so stark, da ver­ schwendet man gar keine Gedanken an Schmerz.«»Und es hat wirklich nicht lang gedauert?«

»Nein, sagte ich doch! Es geht ganz schnell.«

»Und du meinst, das Beste ist, wie sie es gemacht hat?«
»Ja. Man muss es so machen, dass es kein Zurück gibt. Denk an die Klapse!«

»Das stimmt.«

»Hast du dir schon überlegt, wie du es machen willst?«

»Vielleicht mit Tabletten.«

»Schlaftabletten?«

»Ja.«

»Vergiss Schlaftabletten!«

»Warum?«

»Wenn du deine Tabletten nicht über eine Apotheke in Thailand oder Mexiko beziehst, dann wirst du keine Schlaftabletten finden, die tödlich wirken. Die handels­ üblichen Schlaftabletten enthalten Brechmittel und An­ tidepressiva. Das heißt, dass man entweder kotzt, be­ vor die tödliche Dosis erreicht ist, oder dass man vorher schon wieder so gut drauf ist, dass man keinen Bock mehr hat, sich umzubringen.«

»Du kennst dich wirklich gut aus.«

»Außerdem kostet es ja keine Überwindung mit Tablet­ ten. Das bringt ja jeder.«
»Macht mich das jetzt schlechter? Weil es einfach ist?«»Du willst doch, dass wirklich Sense ist, oder nicht?«»Ja, aber das mit dem Herzstich bekomm ich nicht hin.«»Du hast es ja noch gar nicht probiert.« :­)

»Ich hatte es vor Kurzem mal an den Pulsadern auspro­ biert, aber immer, wenn ich angefangen hab zu ritzen, hab ich gleich wieder aufgehört. Ich glaub, ich kann kein Blut sehen.« :­(

»Pulsadern aufschneiden funzt eh nicht… Wenn, dann müsstest du sie dir der Länge nach aufschneiden, und das bekommt kaum jemand hin. Die Adern ziehen sich sonst nämlich zusammen, wodurch die Blutung stoppt.«»Bist du zufällig Arzt oder so was?« :­)

»Ist doch egal, was ich bin. Es geht hier nur um dich. :­) By the way, wie siehst du eigentlich aus?«
»Ist das wichtig, wie ich aussehe?«
»Sei doch nicht gleich so eingeschnappt. Ich versuch doch nur, mich in dich hineinzuversetzen.«

»Sorry, war nicht so gemeint. Ich schäm mich für mein Aussehen, ich bin zu dick.«
»Und bist du dick?«
»Ich finde schon.«

»Wie dick?«

»Ich weiß nicht. Dick halt.«

»Wie groß bist du und wie viel wiegst du?«

»1,70 Meter und 52 Kilo.«

»Na, das geht doch. Schick mir mal ein Bild von dir.«

»Ich, weiß nicht. Am Ende willst du dann vielleicht nicht mehr mit mir reden.«

»Jetzt mach schon. Dann kann ich mich viel besser in dich hineinversetzen.«
»Ist es dir wichtig, wie ich aussehe?«
»Nein, aber ich muss wissen, wie du aussiehst, damit ich dir besser helfen kann.«

»Ist es schwieriger, mir zu helfen, wenn ich dick bin?«

»Na klar, dicke Leute sterben nicht so leicht.« :­)

»Okay, das wusste ich nicht.«

»Die haben nen dicken Hals und viel Fett um sich herum, da geht das halt alles nicht so einfach.«
»Okay, daran hab ich nicht gedacht. Ich schick dir ein Bild – Moment.«

»Siehst gut aus.«

»Danke, aber verarschen kann ich mich selbst.«

»Ich mein das ernst. Wie lange spielst du schon mit dem Gedanken, dich umzubringen?«
»Vielleicht so seit einem Jahr.«
»Und wieso hast du es bisher nicht getan?«

»Ich konnte es einfach nicht. Und als ich es dann vor ein paar Wochen mit den Pulsadern versucht hab, hat mich irgendwie der Schmerz und das Blut davon ab­ gehalten.«

»Siehst du, du brauchst Hilfe.«

»Ja.«

»Mit dem Herzstich wäre es viel einfacher gegangen.«

»Du meinst, ich soll es lieber so machen?«

»Na klar, denk an die Geschichte mit dem gebroche­ nen Herzen. Du willst doch sicher, dass deine Schwes­ ter und alle anderen an dich denken?«
»Ich glaub, an mich denkt so oder so keiner.«

»Glaub mir, wenn du dir ins Herz stichst, bestimmt!«

»Meinst du wirklich?«

»Ja! Hast du ein langes Küchenmesser da?«

»Ich glaub schon. Aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich schaffe, mir ein Messer ins Herz zu stechen. Ich fand es schon so schwierig mit den Schnitten an meinen Hand­ gelenken. Gibt es denn nichts Besseres?«

»Nichts ist besser als ein Herzstich!«

»Irgendwas, wobei ich nicht so viel tun muss… So wie bei den Tabletten …«
»Vergiss endlich die Tabletten! Das dauert ewig, und am Schluss wirken sie nicht. Dann landest du in der Klapse und musst jeden Tag Tabletten fressen! Willst du das?«

»Nein.«

»Zeig mal, welche Messer du da hast.«

»Okay, ich geh schnell in die Küche.«

»Mach mal den Videochat an, dann kannst du sie mir besser zeigen.«
»Okay. Siehst du mich?«
»Ja.«

»Komisch, ich kann dich nicht sehen.«

»Ich kann dich gut sehen.«

»Ich dich nicht. Das Videochatfenster ist schwarz.«

»Das liegt bestimmt an meiner schlechten Internetver­ bindung. Ich kann dich jedenfalls gut sehen. Also, zeig mal die Messer!«
»Okay.«

»Ja, die sind doch ganz brauchbar. Das letzte, das du mir gezeigt hast, würde ich an deiner Stelle nehmen.«»Das ist ganz schön groß. Das soll ich mir ins Herz stechen?«

»Ich seh schon. Das wird eine schwierige Nummer mit dir.«
»Ich find die Vorstellung einfach komisch …«
»Du musst das schon auch wollen. Aber vielleicht bist du ja eine von denen, die sich nur wichtigmachen wol­ len und anderen die Zeit stehlen.«

»Nein, wirklich nicht. Ich will es ganz sicher tun! Bitte glaub mir. Ich hab nur Probleme mit Messern.«
»Bist du dir wirklich sicher? Ich hab nämlich keine Lust, meine Zeit mit dir zu verschwenden, wenn ich anderen, die mich wirklich brauchen, helfen könnte.«

»Ich will es tun. Bitte, geh nicht!«

»Gut, ich denke, dann ist es für dich die beste Methode, einen Gürtel zu nehmen.«
»Wie meinst du das?«
»Ganz einfach: Du nimmst einen Gürtel, ziehst das Ende durch die Gürtelschnalle, sodass du eine Schlaufe hast, und bindest es an der Tür fest. Dann legst du den Kopf in die Schlinge und sackst einfach in die Knie… dauert keine 30 Sekunden, und schon ist es vorbei.«»Ja, hab ich hier auch schon mal gelesen, dass das manche so machen.«

»Aber?«

»Ich weiß nicht, ob ich es kann.«

»Jetzt hör bloß auf. Das ist eh schon die Mädchen­ methode!«
»Was meinst du damit?«
»Na, dass sich so eigentlich nur die ganz Labilen um­ bringen, die auch sonst nichts auf die Reihe bringen.«»Aber das passt ja dann für mich.« :­(

»Ja, aber dann mach’s halt auch und red nicht nur rum.«

»Du meinst, ich soll es jetzt tun?«

»Klar, wann denn sonst?«

»Also, jetzt im Sinne von jetzt gleich?«
»Ich hab dir doch grad eben schon gesagt, dass ich hier nicht zum Spaß bin. Je länger du wartest, desto schwie­ riger wird es. Ich bin ja bei dir.«
»Ich weiß nicht.«
»Glaub mir, gemeinsam bekommen wir das schon hin.«»Hm, und du meinst, das mit dem Gürtel ist die beste Methode?«
»Nein, die beste Methode ist die mit dem Herzstich, aber da stellst du dich ja so an.«
»Es tut mir leid, dass ich so kompliziert bin.«»Natürlich gibt es auch noch andere Methoden, aber ich denke, für dich soll es dann der Gürtel sein. Das läuft quasi ganz von selbst.«
»Du meinst, so wie bei den Schlaftabletten?«
»Ja, aber viel besser, denn die Gürtelmethode funktio­ niert ganz sicher. Hast du etwas da, mit dem du dir die Hände fesseln kannst?«
»Wieso?«
»Die Gürtelmethode verspricht nur dann 100% Erfolg, wenn man sich die Hände fesselt. Der Körper könnte sonst aus einem Reflex heraus versuchen, sich doch noch aus der Schlinge zu befreien.«
»Puh, da hätte ich jetzt gar nicht dran gedacht.«
»Gut, dass du mich hast.« :­)
»Allerdings. :­) Meine Schwester und ihr Freund stehen auf so Fesselzeugs beim Sex, das hat sie mir mal er­ zählt. Da finde ich bestimmt was. Moment.«
»Und? Fündig geworden?«

»Ja, ich hab Handschellen. Siehst du sie?«

»Ja, das könnte klappen. Jetzt musst du nur noch den Gürtel so wie besprochen präparieren, und schon kön­ nen wir loslegen.«
»Wow, mit dir geht das jetzt alles so schnell. Hatte ich gar nicht mit gerechnet.«

»Du kannst es! Sei kein Feigling. Hol den Gürtel und überleg nicht lange.«
»Du meinst, ich soll es jetzt sofort tun?«
»Klar! Hol das Ding jetzt, mach die Schlaufe und befes­ tige das Ende des Gürtels an der Türklinke.«

»Willst du mir dabei zusehen?«

»Ich will für dich da sein. Glaub mir, es ist einfacher für dich, wenn du merkst, dass jemand bei dir ist.«
»Okay. Aber ich seh dich immer noch nicht, Mark.«»Ich seh dich dafür gut, ich bin ganz bei dir. Also, jetzt mach das mit dem Gürtel, so wie ich’s dir gesagt habe.«»Gut.«

»Und denk an die Handschellen, bevor du dich in den Gürtel fallen lässt.«
»Ja, ich hab alles hier, außerdem ist doch jetzt eh schon alles egal.«

»Kannst du noch deine Webcam auf die Tür ausrichten, sodass ich ganz bei dir sein kann?«
»Warte, so?«
»Okay, gut, wollen wir loslegen?«

»Ja, also dann danke, und lieb, dass du bei mir bleibst.«

Einen Tag später fand Laras Schwester den leblosen Kör- per des Mädchens . Lara hing mit einem Gürtel um den Hals und in sich zusammengesackt an der Türklinke ihres Zimmers . Mit aller Kraft musste die Schwester die Zimmertüre aufschieben . Schwer hing Lara an der Tür, die den Leichnam beim Öffnen mitschleifte . Ihre Hände waren hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt . Erste Fliegen, die durch das gekippte Fenster in das abge- dunkelte Zimmer gelangt waren, hatten die Leiche besie- delt . Der Schein des flimmernden Computerbildschirms spendete gerade so viel Licht, dass die Schwester sehen konnte, was geschehen war . Es war ein Anblick, den sie nie wieder vergessen sollte .

Laras Schwester hatte damals sofort den Notarzt geru- fen, doch der konnte nichts mehr tun . Durch Laras Eigen- gewicht hatte der Gürtel beide Halsschlagadern abgedrückt, die Schlinge hatte sich regelrecht in den Hals eingeschnürt . Schon nach fünfzehn bis dreißig Sekunden muss die junge Frau bewusstlos und nach gut zehn Minuten tot gewesen sein . So lange dauert es in der Regel, bis die Gehirnzellen durch die Sauerstoffunterversorgung absterben, verursacht durch die Blutstauung .

Insbesondere wegen der Fesselung mit den Handschel- len alarmierte der Notarzt die Polizei . Es dauerte nicht lange, ehe die Polizisten das Chatprotokoll entdeckten, das noch auf dem laufenden Computerbildschirm geöffnet war . Der Inhalt der Konversation unmittelbar vor dem Tod des Mädchens veranlasste die Beamten, die Mordkommis- sion einzuschalten .

Nach genauer Durchsicht des Chatverlaufs bestand für die Ermittler kein Zweifel mehr: Die Selbsttötung der 

23-Jährigen wurde maßgeblich durch ihren Chatpartner »Mark« beeinflusst, wenn nicht sogar initiiert . Vermutet wurde eine Tötung durch Fremdverschulden, ohne dass der Täter selbst bei seinem Opfer Hand anlegen musste . War es das? Der perfekte Mord?

Leider muss ich diese Frage mit Ja beantworten . Selbst mit dem noch geöffneten Chatfenster ist es der perfekte Mord . Denn in der Sekunde, in der Sie diese Zeilen lesen, tummelt sich Laras Chatpartner vielleicht gerade wieder in einem der zahlreichen Suizidforen, wo er auch Lara ange- sprochen hatte . Und offenbar war Lara nicht die erste und wahrscheinlich auch nicht die letzte junge Frau, die Mark in den Freitod getrieben hat . Auch wenn er beteuerte, ein- fach nur helfen zu wollen, wahrscheinlicher ist, dass der edle Retter sich in Wahrheit an den Todesfantasien seiner Chatpartner oder eben auch live übertragenen Selbsttötun- gen ergötzt oder sogar sexuell befriedigt .

Dennoch stellte die zuständige Staatsanwaltschaft das eingeleitete Ermittlungsverfahren sofort wieder ein . Mark, Markus oder wie auch immer derjenige eigentlich heißt, der Lara mit seiner perfiden Argumentation in den Tod getrieben hat, wurde gar nicht erst ermittelt, geschweige denn vernommen, verhaftet oder gar vor Gericht gestellt .

Juristisch betrachtet kann nur jemand, der einen ande- ren Menschen tötet, ein Tötungsdelikt begehen . Das gilt sowohl für Tatbestände wie Mord oder Totschlag als auch für die anderen mit Strafe bewehrten Formen der Tötung, wie etwa eine fahrlässige Tötung oder eine Tötung auf Ver- langen . Das Gesetz ist hier eindeutig .

Wer sich hingegen selbst tötet, der macht sich – zumin- dest nach deutschem Recht – nicht strafbar . Nun gut, wer- den Sie sagen, wer sich selbst umbringt, dem wird eine irdische Strafe so oder so egal sein . Problematisch würde es für den Suizidenten aber, wenn er den Selbsttötungsversuch überleben würde und Selbstmord strafbar wäre . Dann wäre die Frage nach der Schuld des Suizidenten plötzlich von Be- deutung, und er könnte wegen versuchten Mordes an sich selbst bestraft werden . Das aber wäre in vielerlei Hinsicht un- angemessen . Es dürfte einleuchten, dass nicht auch noch be- straft werden sollte, wer seinem Leben ein Ende setzen will, solange er damit niemand anderem schadet, denn eine frei- willige Selbstschädigung ist nach deutschem Recht grund- sätzlich nicht strafbar, solange nicht in die Rechtskreise wei- terer Personen eingegriffen wird . Aus derselben Überlegung ist etwa auch der bloße Konsum von Drogen nicht strafbar .

Lara wäre im Falle ihres Überlebens für ihre Tat nicht bestraft worden . Was aber ist mit Mark? Aus dem Chat ergibt sich eindeutig, dass er Lara geradezu zum Suizid drängte und ihr ganz maßgeblich bei der Selbsttötung half . Nach der Rechtsprechung reicht für die strafbare Anstif- tung zu einem Tötungsdelikt bereits die bloße Herbeifüh- rung einer verlockenden Situation aus, zum Beispiel wenn ein Räuber, der gerade ein Juweliergeschäft überfallen hat und auf der Flucht von einem couragierten Bürger verfolgt wird, absichtlich eine wertvolle Uhr fallen lässt, um seinen Verfolger von der Verfolgung abzubringen . Nimmt der Ver- folger diese – wie vom Räuber vorgesehen – an sich, um sie für sich zu behalten, macht sich der Räuber auch noch der Anstiftung zur Unterschlagung strafbar .

Eine Beihilfehandlung ist hingegen nach überwiegen- der Ansicht dann strafbar, wenn sie die Haupttat fördert . Neben aktiver und konkreter Hilfeleistung, also physischer Beihilfe, fällt darunter auch motivierendes Bestärken, die sogenannte psychische Beihilfe . Wenn Sie den Bankräu- ber also zur Bank fahren oder einem vorbeieilenden Räu- ber auf dem Weg in die Bank noch viel Glück wünschen, sind Sie dran .

Warum ist dann aber Markus noch auf freiem Fuß?

Die Straflosigkeit des Suizids hat eine Konsequenz, die sich aus ebendieser strafrechtlichen Gesetzessystematik speist . Beihilfe und Anstiftung zu einer Straftat sind nur dann möglich, wenn es eine strafbare Haupttat gibt, zu der man jemanden anstiften oder bei der man Hilfe leisten kann . Wenn Sie für einen Bankräuber Schmiere stehen, dann können Sie ebenso wie der Bankräuber dafür bestraft werden – wenn auch nicht ganz so hart . Wenn Sie jeman- den dazu anstiften, einen Menschen zu töten, werden Sie genauso hart bestraft wie der eigentliche Mörder . Es macht dann also keinen Unterschied mehr, ob man bei der Tat aktiv mitgewirkt hat oder nicht .

Nach der Systematik des deutschen Strafrechts basiert aber der Unwert einer Teilnahme an der Straftat eines anderen auf der Haupttat selbst . Wer diese fördert oder jemanden zu der Tat anstiftet, muss bestraft werden . Irgendwie logisch, denn im Zweifel wird beispielsweise ein Auftragskiller weniger Interesse an einem Mord haben als sein Auftraggeber . Es ist also nur gerecht, wenn auch diesem eine harte Strafe zukommt . Was aber, wenn keine strafbare Haupttat vorliegt? Die logische Antwort kann nach dieser Gesetzessystematik nur lauten, dass in die

sem Fall auch eine Anstiftung oder Beihilfehandlung nicht strafbar ist . Denn die Hilfe zu einer Tat, die nicht strafbar ist, kann dann gezwungenermaßen auch nicht strafbar sein . Genauso verhält es sich in unserem Fall .

Wäre Laras Selbstmord also strafbar, könnte man Mar- kus bestrafen . Dem ist aber nicht so . Wer einer anderen Person beim Suizid hilft, indem er beispielsweise Schlaf- tabletten besorgt oder psychische Beihilfe leistet, der kann dafür nicht belangt werden .

Sind es verzweifelte Angehörige oder Freunde, die Bei- hilfe zum Suizid leisten, mag man dafür Verständnis auf- bringen, aber sollten auch Anstifter mit erkennbar unlau- teren Motiven straflos davonkommen?

Immerhin, eine gesetzlich anerkannte Ausnahme gibt es von der grundsätzlichen Straflosigkeit des Suizidhelfers . Wenn man gewerbsmäßig Menschen dabei hilft, sich selbst zu töten, ist das strafbar . Hiermit will man dem Sterbetou- rismus (z .B . in Holland oder in der Schweiz) im Rahmen der passiven Sterbehilfe Einhalt gebieten, wo Sterbewilligen vom Sterbehelfer Medikamente zur Verfügung gestellt wer- den, mit denen sie sich durch Einnahme selbst töten können . (Nicht zu verwechseln mit der sogenannten aktiven Sterbe- hilfe, bei der die todbringende Handlung nicht durch das Op- fer selbst, sondern von einem Dritten durchgeführt wird .)

»Mark« aber förderte Laras Tod nicht geschäftsmäßig – nachweislich forderte er von Lara für seine »Hilfe« keine finanzielle Leistung ein .

Aber auch wenn »Mark« sich Lara als »Helfer« andiente – wird diese Bezeichnung seiner Rolle überhaupt gerecht? Rief er nicht erst den Entschluss in Lara hervor und nutzte 

ihre düstere Stimmung beim Surfen im Suizidforum, um sich an ihrem Tod aufzugeilen? War Mark nicht einfach nur Gehilfe, sondern vielmehr Täter?

Von moralischer Seite betrachtet ist die Sache simpel: Vermutlich hätte sich Lara zumindest an diesem Abend ohne die »Hilfe« von Mark nicht getötet . Mark selbst hatte keine nachvollziehbare Motivation, der ihm völlig unbe- kannten Lara zu »helfen« – es sei denn, es kam ihm da- rauf an, sie sterben zu sehen . Man kann also sagen, dass er, moralisch gesehen, für ihren Tod zumindest mitverant- wortlich ist .

Juristisch betrachtet ist der vorliegende Fall allerdings kom- plizierter . Hätte Mark selbst Hand angelegt und Lara eigen- händig getötet, wäre es bei einem Sichaufgeilen sogar Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs gewesen . Aber so waren es ausnahmslos seine Worte, die Lara veranlassten, sich das Leben zu nehmen .

Ist ein solcher Fall also eine gänzlich straflose Selbsttötung, zu welcher, wie oben ausgeführt, weder Beihilfe geleistet noch angestiftet werden kann? Oder ist Laras Tod eben doch fremdverschuldet und damit womöglich aktive Ster- behilfe, fahrlässige Tötung, Töten durch Unterlassen, Tot- schlag oder gar Mord?

Wie oben gezeigt könnte besagter Mark nur, wenn Laras Tod nicht als Suizid einzustufen wäre, auch wegen eines Tötungsdeliktes bestraft werden – also dann, wenn straf- rechtlich betrachtet keine Selbst-, sondern eine Fremdtötung vorgelegen hätte . Diese Abgrenzung erfolgt grundsätzlich 

danach, ob die Herrschaft über den Geschehensablauf des lebensbeendenden Akts beim Opfer selbst oder bei einem anderen Beteiligten liegt . Es soll also ganz maßgeblich da- rauf ankommen, wer den Geschehensablauf im kritischen Moment beherrscht . Wenn die sterbewillige Person bis zu- letzt die freie Entscheidung über ihr Schicksal behält, sie also den Beginn des tödlichen Kausalverlaufs (also die zum Tod führende Handlung) nach Belieben bestimmen konnte, dann wird eine »Tatherrschaft« durch einen möglichen außenstehenden Täter üblicherweise verneint . Bloße Hilfe- stellung beim Suizid durch Bereitstellung von Tatmitteln, durch »Tipps«, durch Bestärkung oder gar Hervorrufung des Entschlusses zur Tat – solches Verhalten ist also grund- sätzlich straflos .

Die »Tatherrschaft« kann allerdings auch innehaben, wer selbst gar nicht am Tatort ist, sondern das Geschehen »planvoll-lenkend« aus der Ferne kontrolliert . Auch aus der Ferne könnte Mark als Täter gehandelt haben, wenn er nur die Entscheidungsgewalt über Laras Tod hatte .

Dem war aber offensichtlich nicht so . Lara hatte zu jedem Zeitpunkt die alleinige Kontrolle über den unmit- telbar zum Lebensende führenden Akt . Sie hat den Gürtel selbst geknüpft, sich selbst die Handschellen angelegt und den Kopf ganz allein in die todbringende Schlaufe gesteckt .

Die strenge Abgrenzung von Mord und Selbstmord führt, das werden Sie bemerkt haben, teilweise zu schwer erträg- lichen Ergebnissen .

Denn was, wenn der Täter zwar nicht selbst Hand an- legt, aber einen so starken Einfluss auf das Opfer hat, dass 

er es aufgrund der seelischen Abhängigkeit lenken kann? Kann man da wirklich noch von freiverantwortlicher Selbst- schädigung des Opfers sprechen? Sicherlich nicht . Des- halb wird nach dem deutschen Strafrecht auch derjenige bestraft, der eine Straftat im Zuge der sogenannten mit- telbaren Täterschaft »durch« einen anderen begeht – als »Täter hinter dem Täter«, als »überlegener Hintermann«, der sich eines menschlichen »Werkzeugs« bedient . Der Unterschied zum Anstifter besteht rechtlich betrachtet darin, dass es bei der mittelbaren Täterschaft nicht auf eine strafbare Haupttat ankommt, sondern der Hintermann die ausführende Person der Tathandlung quasi als »Werk- zeug« zum Zwecke der Begehung einer eigenen Tat kont- rolliert .

Alles klar? Vermutlich angesichts der auch für Juristen schwierigen Thematik eher nicht! Also sehen wir uns das Ganze mal anhand eines einfachen Beispiels an: Wenn ein Dieb einen gutgläubigen Passanten bittet, »seinen« Koffer aus dem Taxi zu nehmen, dieses Gepäckstück aber in Wirk- lichkeit einem anderen gehört, handelt der Passant ohne Vorsatz und damit straflos – schließlich will er den ande- ren nicht beklauen, sondern denkt, er handele völlig recht- mäßig . Der Dieb dagegen benutzt den Passanten, respek- tive dessen Gutgläubigkeit, als Werkzeug zur Begehung seiner Straftat durch einen anderen und ist damit wegen »Diebstahls in mittelbarer Täterschaft« zu bestrafen . Ent- scheidend für die Abgrenzung zur Anstiftung oder Bei- hilfe ist, dass die eigentlich handelnde Person als »Werk- zeug« des Hintermanns tätig wird, sich selbst also nicht oder nicht in gleicher Weise strafbar gemacht hat . Die als

»Werkzeug« des Hintermannes tätige Person muss also ein »Strafbarkeitsdefizit« haben, sie könnte beispielsweise ohne Vorsatz oder schuldlos handeln – so wie der gutgläu- bige Kofferträger in unserem Beispiel .

Nun kann man es sich noch leicht vorstellen, in einen Diebstahl verwickelt zu werden – aber in ein Tötungs- delikt? Wie sollte man in so einem Fall instrumentalisiert werden? Doch, auch im Bereich der Kapitaldelikte sind Fälle der »mittelbaren Täterschaft« vorstellbar: Wenn der Täter etwa einem Kind eine echte Waffe als »Spielzeug- pistole« andreht, um durch dessen »Spiel« einen Mord zu begehen, dann kann das Kind sowohl mangels Strafmün- digkeit als auch mangels Vorsatz nicht bestraft werden – der eigentliche »mittelbare Täter« aber eben schon .

Tatsächlich ist die »mittelbare Täterschaft« auch bei Tötungsdelikten gar nicht so selten, einige Fälle haben es sogar zu großer Berühmtheit gebracht . So zum Beispiel der unter Juristen legendäre »Katzenkönig-Fall« oder aber auch der nicht weniger berüchtigte »Sirius-Fall«, wobei gerade Letzterer einige Parallelen zum Tod von Lara aufweist .

Die Vorgeschichte: Der redegewandte Rüdiger lernte in einer Disco die unsichere und komplexbeladene junge Marianne kennen . Schnell entwickelte sich zwischen den beiden eine ungleiche Freundschaft, in der Rüdiger im Rahmen gelegentlicher Treffen und stundenlanger Tele- fongespräche mit Marianne über Psychologie, Philosophie und Mystik diskutierte und in der Rolle des Mentors auf- trat . Schon bald vertraute Marianne diesem neuen Freund nahezu blind, selbst als der ihr immer absurdere und un- glaubwürdigere Lügengeschichten auftischte und behaup- tete, er sei ein außerirdischer Gesandter vom Planeten 

Sirius, ein sogenannter »Sirianer« . Diese Sirianer seien der Menschheit spirituell und philosophisch weit überlegen . Seine Mission auf dem unterentwickelten Planeten Erde bestehe darin, einige auserwählte »Erdlinge« wie Marianne auf eine höhere Entwicklungs- und Bewusstseinsebene zu erheben . Marianne müsse sich aber zuerst geistig und phi- losophisch weiterentwickeln, damit ihre Seele in einem neuen Körper auf Sirius wiedergeboren werden könne .

Marianne glaubte ihm, woraufhin Rüdiger beschloss, sie auszunehmen . Marianne gab daraufhin ihr gesamtes Ver- mögen aus, nahm sogar einen Kredit auf . Das Geld floss in die Meditationen eines sirianischen »Mönches« namens Uliko . Rüdiger hatte freundlicherweise den Kontakt zu dem sehr scheuen Mönch hergestellt und ihm auch gleich das ganze Geld »weitergeleitet« . Laut Rüdiger meditierte er für Mariannes Seelenheil . Als sich die versprochenen spi- rituellen Superkräfte bei Marianne nicht so recht einstel- len wollten und sie sich bei Rüdiger erkundigte, war sie natürlich selbst schuld an den ausbleibenden Fortschrit- ten: Der tapfere Mönch habe sich bei seinen Versuchen in große Gefahr begeben, sei aber an Mariannes starker inne- rer Sperre gegen die geistige Weiterentwicklung geschei- tert . Den Mönch Uliko gab es natürlich genauso wenig wie die Sirianer vom Planeten Sirius, lediglich die Geschichte von Mariannes »starker innerer Sperre gegen geistige Wei- terentwicklung« hatte vermutlich einen wahren Kern.

Nachdem Rüdiger von Mariannes Geld einige Monate gut gelebt hatte, sie jetzt aber bedauerlicherweise pleite war, musste er sich etwas Neues einfallen lassen. Mariannes »geistige Blockade«, so hatten Rüdiger oder Uliko heraus- gefunden, könne nur durch die Vernichtung ihres alten und die Beschaffung eines neuen Körpers beseitigt werden. Glücklicherweise hatten die hilfsbereiten Sirianer bereits einen neuen Körper für Marianne in einem roten Raum an einem See bereitgestellt, sie musste also nur noch ihren alten Körper loswerden. Bei der Gelegenheit, so riet ihr Rüdiger, würde es sich allerdings anbieten, vorher noch schnell eine dicke Risikolebensversicherung abzuschlie- ßen, sodass sie in ihrem neuen Leben gleich auch finan- ziell so richtig durchstarten könnte. Selbstverständlich würde ihr guter Freund Rüdiger mit dem ganzen Geld in der Nähe des Ortes ihrer Wiedergeburt auf sie warten.

Erschreckenderweise stand Marianne – möglicherweise aufgrund ihrer »geistigen Blockaden« – auch diesem Plan recht aufgeschlossen gegenüber. Rüdiger gab ihr auf dieser spirituellen Reise übers Telefon Anweisungen . Um ihren lästigen alten Körper endlich loszuwerden, sollte sie einfach ei- nen Föhn in die Badewanne fallen lassen . Zu Mariannes Glück hatte Rüdigers nahezu perfekter Plan eine Schwachstelle: Sie starb einfach nicht, diesem dummen Fehlerstrom-Schutz- schalter im Sicherungskasten sei Dank. Nach mehreren Versuchen und immer neuen telefonischen Anweisungen eines erkennbar entnervten Rüdigers gab Marianne schließlich auf. Als sich der vormals so selbstlose Rüdiger am Telefon darüber aufregte, dass sie immer noch lebe, kamen selbst der leichtgläubigen Marianne Zweifel an der Wahrhaftigkeit der »sirianischen Mission«. Der ganze Schwindel flog auf und Rüdiger wurde unter anderem wegen versuchten Mordes an Marianne in mittelbarer Täterschaft verurteilt.

Ganz selbstverständlich war diese Verurteilung wegen versuchten Mordes auch aus juristischer Sicht aber nicht. Denn hätte man die Grundsätze zum Suizid und der Abgren

zung von Fremd- und Eigenverschulden zur Anwendung gebracht, hätte Rüdiger zumindest bezüglich des versuch- ten Tötungsdelikts straflos aus der Sache rausgehen müssen . Aber im »Sirius-Fall« soll nach Auffassung der hohen Richter der raffinierte Rüdiger die abergläubische Marianne wie ein »Werkzeug« gegen sich selbst ausgenutzt haben. Sie selbst beging also einen straflosen Selbstmordversuch, gleichzei- tig soll sie aber auch durch ihr eigenes Handeln quasi als »Tatwerkzeug« für Rüdigers Mord an ihr selbst (!) gehandelt haben . Also ähnlich dem obigen Beispiel mit dem Kind, dem man eine geladene »Spielzeugpistole« in die Hand drückt, nur mit dem Unterschied, dass es sich mit der in Wahrheit scharfen Waffe – wie vom Täter gewollt – selbst umbringt.

Ob diese juristische Konstruktion rechtsdogmatisch wirklich so sauber ist, daran scheiden sich die Geister . Hin- ter dem Urteil scheint wohl auch der Wunsch zu stehen, einen derart unmoralischen Täter wie Rüdiger nicht so billig davonkommen zu lassen.

Womit wir wieder bei Mark angekommen wären . Nach dem Exkurs hinab in die Abgründe der Theorie und hin- auf auf den Planeten Sirius stelle ich Ihnen die Frage: Hat auch Mark durch seine manipulativen Anweisungen die unglückliche Lara wie ein Werkzeug gegen sie selbst ein- gesetzt und sie somit in mittelbarer Täterschaft getötet? Hat sich Laras Chatpartner also auch eines Mordes strafbar gemacht – Mord deshalb, weil er die Tat zum Beispiel zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs begangen hat oder um einen Menschen »live« sterben zu sehen, was beson- ders niederträchtig wäre?

Nach der Argumentation des Bundesgerichtshofs im »Sirius-Fall« kann als mittelbarer Täter handeln, wer das Opfer »kraft überlegenen Wissens« als Werkzeug gegen sich selbst missbraucht .

Marianne ließ den Föhn in der Hoffnung ins Wasser fal- len, sofort in einem neuen Körper zu erwachen – so wie es Rüdiger ihr versprochen hatte . Der Gedanke an einen Selbstmord im eigentlichen Sinn kam ihr dabei nicht . Ge- nau diesen Umstand nutzte Rüdiger aus .

Lara dagegen wusste, was sie tat, immerhin suchte sie im Internet in einem Suizidforum gezielt Ratschläge . Zwar wurde sie dabei von Mark nicht nur unterstützt, sondern geradezu bedrängt, aber dass Mark sein überlegenes Wis- sen über die Folgen ihres Suizids vor Lara verheimlicht und ausgenutzt hätte? Das war nicht der Fall.

Es war auch nicht so, dass sie von Mark psychisch besonders abhängig gewesen wäre, sie kannte ihn ja vor- her gar nicht.

Ob man also wirklich juristisch zu dem Ergebnis kom- men kann, dass Lara nur ein Werkzeug gegen sich selbst war? Schwierig.

Hatte Mark sich mit seinen »Tipps«, »Tricks« und »Emp- fehlungen« an Lara also tatsächlich nicht strafbar gemacht?

Um es kurz zu machen:
Ja . Zwar könnte man noch an eine »Tötung durch Unterlassen« oder an »fahrlässige Tötung« denken, aber nichts von alledem trifft auf Mark zu, so absurd es auch erscheinen mag.

Die fahrlässige Tötung scheitert daran, dass Mark nicht die tödliche Handlung ausgeführt hat, und aktive Sterbe- hilfe setzt ja schon begrifflich voraus, dass aktiv, also durch die Hand eines anderen, der Tod herbeigeführt wird.

Und die »Tötung durch Unterlassen«? Der Gesetzge- ber behält sich damit vor, auch denjenigen zu bestrafen, der es unterlässt, jemandem in Not zu helfen, obwohl er dazu verpflichtet wäre. Doch nicht jeder ist dazu verpflichtet zu helfen. Dies trifft lediglich auf Verwandte des Opfers zu oder auf jemanden, der aus sonstigen rechtlichen Gründen zum Einschreiten verpflichtet wäre. Diese Pflicht wird also juristisch sehr eng ausgelegt, denn immerhin wird jemand bestraft, der nichts getan hat oder, genauer, der aktiv nichts getan hat. Kurzum: Eine solche gesetzliche Einstandspflicht hatte Mark nicht.

Obwohl Mark also ganz maßgeblich an dem Tod der 23-jäh- rigen Lara mitgewirkt hat, so hat er sich aus juristischer Sicht doch nicht strafbar gemacht . Er hat also einen anderen Menschen auf dem Gewissen und kommt straflos davon .

Im deutschsprachigen Raum gibt es übrigens etwa dreißig Todesforen wie das, in dem sich Lara und Mark kennen- gelernt haben – weltweit sind es einige Tausend. In jedem dieser Foren gibt es weit mehr als 50 000 Chats . In diesen Chats zählen etwa 1000 oder mehr Diskussionsteilnehmer zu denen, die Tag für Tag anderen in den Tod »helfen« . In Kennerkreisen werden diese »Helfer« auch »Stamm-Pos- ter« genannt . Wer also wie Mark Menschen in den Tod trei- ben oder das Sterben gar live miterleben möchte, der bleibt derzeit straflos .

Methoden zum Selbstmord werden in Internetforen zuhauf erläutert, ob Stricklänge, Knotenknüpfung, Fallhöhe oder ob der Sprung vor einen Zug effektiver ist als der vom Hochhaus, wie man an Schusswaffen kommt und welche Medikamente wie schnell wirken.

Oftmals werden entsprechende Hilfsmittel sogar zum Kauf angeboten . Eigens angelegte Linklisten führen direkt zu Bestellformularen bei indischen oder philippinischen Online-Apotheken .

Und obwohl das alles nicht neu ist, nehmen deutsche Behörden die Problematik bislang kaum ernst: Auf seine Anfrage an die Zentralabteilung »Verdachtsunabhängige Recherche im Internet« des Bundeskriminalamts erhielt ein Reporter die Antwort, »Suizid sei nicht strafbar« – und das Ganze sei ohnehin »Ländersache« .

Selbst Minderjährige sind gesetzlich nicht vor »Stamm- Postern« geschützt, denn das deutsche Strafrecht stellt nicht etwa auf die Geschäftsfähigkeit ab, die bekannter- maßen erst ab 18 Jahren gilt .

Fälle wie der einer 17-Jährigen aus Leipzig muten vor diesem Hintergrund skurril an . Das Mädchen hatte über einen Chat bei einem dieser »Helfer« ein todbringendes Medikament geordert . Als sie nicht zahlen konnte, erhielt sie von dem anonymen Absender prompt eine Mahnung .

Und so gelangen wir zu der Erkenntnis, dass es durch- aus legal ist, ein 17-jähriges Mädchen zum Suizid anzu- stiften, ihr dabei zu helfen und sich an dem Livestream ihres Todeskampfes aufzugeilen . Aber die Mahnung wegen der nicht bezahlten Todesmedikamente ist – aufgrund der nicht vorhandenen Geschäftsfähigkeit – illegal .